Glosse: Nationalistische Internationale

Von Stephan Baier

Wenn sich zwei streiten, sollte sich der Dritte freuen – aber nach Möglichkeit nicht einmischen. Versucht er zu schlichten, gerät er bestenfalls nur zwischen die Fronten; schlimmstenfalls kriegt er von beiden Seiten Prügel. Schullehrer und Eltern kennen das. In diesem Sinn prügeln die Nationalisten vieler Länder Europas nicht nur auf die EU, sondern auf die europäische Idee ein. Die nämlich führt ihre heroischen Streitpunkte ad absurdum, widerlegt ihre völkische Welterklärung. Wenn also italienische und österreichische Nationalisten sich nicht mehr um Südtirol prügeln dürfen, italienische und kroatische nicht mehr um Istrien, französische und deutsche nicht mehr um das Elsass, slowakische und ungarische nicht mehr um Geschichte und Sprache, dann ist eines naheliegend: Man schließt sich zusammen gegen das böse Europa, das die altvertrauten, lieb gewonnenen Streitpunkte stahl!

Das versuchen Europas rechte Recken seit Jahren. Auch derzeit wieder. Bisher mit mäßigem Erfolg. Irgendwie waren die Balken im Auge der anderen stets größer als die Splitter im eigenen. Und irgendwie definiert ein kapitalistischer Playboy aus Mailand das Rechte anders als der Orthodoxe Volksalarm aus Griechenland oder die bulgarische Ataka. Vielleicht kann das „Feindbild Europa“ Lega Nord, FPÖ, Vlaams Belang, Front National & Co für einen Moment zusammenschmieden. Letztlich ist ein Europa der Antieuropäer, eine nationalistische Internationale, in sich absurd. Fast so absurd wie christlicher Nationalismus oder provinzieller Katholizismus.

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