Glosse: Mahlzeit: Gericht urteilt über Gericht

In Filmen sind Gerichtsverhandlungen meist spannend, im wirklichen Leben oft öde. Selbst bei Mega-Prozessen lässt die Aufmerksamkeit rasch nach. Meistens sind es kleinere bis kleinliche Angelegenheiten, die den Gerechtigkeitsbetrieb am Laufen und häufig aufhalten. Mit einer Rechtsschutzversicherung lässt sich selbst das aussichtsloseste Anliegen durch die Instanzen klagen, bis im Namen des Volkes ein Urteil verkündet wird, das dann den letzten Rest nachbarschaftlicher Beziehungen, um die es häufig geht, aufzehrt. Ein Gericht im italienischen Bergamo hatte kürzlich über Gerichte zu entscheiden, die auf den Tisch kommen. Ein geschiedenes Elternpaar war sich nicht einig, nach welchen Prinzipien ihr zwölfjähriger Sohn zu ernähren sei. Die Mutter schwor auf die vegane Ernährung und setzte dem Sohn ausschließlich von tierischem Eiweiß freie Nahrung vor, also weder Festtagsbraten noch Eier noch Milch noch Honig. Der Vater hielt das für ungesund. Weil aber durch die Scheidung sein erzieherischer Einfluss beeinträchtigt war, ging er vor Gericht und bekam im Prinzip Recht. Salomonisch ist das gesprochene Urteil insofern, als die Mutter ihrem Sohn mindestens einmal pro Woche ein Fleischgericht kredenzen muss, der Vater ihm aber höchstens zweimal eines servieren darf. Falls die Eltern sich nun nicht einigen können, nach welcher Rezeptur zu kochen ist, droht ein erneuer Gerichtsstreit. Aber vielleicht will der Sohn ja auch mal etwas dazu sagen. Bernhard Huber

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