Glosse: Keine Trennungs-Linie

Manchmal möchte man eine Autoritätsperson der alten Schule sein. Dann könnte man Übeltätern ungestraft die Hammelbeine langziehen, auch die der Kultusministerkonferenz. Denn die hat uns 1996 eine Rechtschreibreform eingebrockt, die weder mit Rechtschreibung noch mit Reform etwas zu tun hat. Da kann sich Hans Zehetmair, seinerzeit bayerischer KuMi, distanzieren so viel er will. Er ist mit dafür verantwortlich, dass seither Wörter, die aus mehreren zu einer organischen Einheit zusammengewachsen sind, entweder auseinandergeschrieben oder mit Bindestrichen in ihre Einzelteile zerlegt werden. Es ist wie mit dem Apostroph: Er und der Bindestrich werden selbst da als Lückenfüller eingesetzt, wo gar keine Lücke zu füllen ist.

Man sehe sich nur die Fernsehnachrichten an! Da lässt man den Bindestrich zwischen Wortteile grätschen, die mittels „s“ eine symbiotische Verbindung eingegangen sind, so dass jeder Bindestrich weiß, dass er hier nichts verloren hat. Aber nein! In der absurden Annahme, ihm einen Gefallen zu erweisen, zwängt man ihn in „Kabinetts-Sitzungen“ oder in „Flüchtlings-Wellen“ und jagt den sprachsensiblen Zuschauern Schauer-Tsunamis über den Rücken. Dabei ist kaum ein Wort so eindeutig wie der „Bindestrich“: Seine Aufgabe ist es gerade nicht, Zusammengewachsenes zu trennen, sondern dort, wo noch nicht zusammengewachsen ist, was zusammenpasst, einer bindestrichfreien Zukunft gezielt Vorschub zu leisten. Der Binde-Strich ist der Geburts-Helfer neuer Wörter und keine Trennungs-Linie. Bernhard Huber

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