Glosse: Katholische Mobilmachung

Blutrünstige Nationalisten, mächtige Mythen, düstere Verschwörungen, archaische Religiosität, Mord und Krieg: Diese Klischees muss Balkan-Berichterstattung heute erfüllen, um gegen Trump & Co Aufmerksamkeit zu erringen. Gemäß diesem Drehbuch inszenierte „Der Standard“, Österreichs gedruckte Speerspitze der Aufklärung, jetzt „Kroatiens Krieg um die Abtreibung“. Martialisch heißt es im Vorspann: „Konservative Kreise machen mobil.“ Wie? Indem Ärzte Abtreibungen verweigern und Schwangere Rat in kirchlichen Einrichtungen suchen, „die ewige Verdammnis predigen“. Mit Gänsehaut nähert man sich dem Text. Und erfährt Schockierendes über eine konservative Mobilmachung, für die dem „Standard“ nach zwei Balkankriegen, zwei Weltkriegen und einem Jahrzehnt großserbischer Nachbarschaftskriege das Wort „Krieg“ angemessen scheint: Hatte das sozialistische Jugoslawien Abtreibung in der Verfassung als „Menschenrecht“ anerkannt, so seien seit Kroatiens Unabhängigkeit 1991 „die Zahlen dramatisch gesunken“.

Als sei das nicht „dramatisch“ genug, hat die „ewige Verdammnis“ predigende katholische Kirche auch noch Häuser für Schwangere errichtet. Was da geschieht, will der zart besaitete Leser gar nicht wissen. Und erfährt es doch: Notleidende Frauen, die sich für ihr Kind entscheiden, „erhalten hier ein Jahr lang freie Unterkunft und Verpflegung“. Das alles nur, weil „die katholische Kirche nach der Unabhängigkeit an Macht gewann“, womit „die Verachtung gegenüber der sozialistischen, säkularen Vergangenheit und ihrer relativ progressiven Einstellung gegenüber Frauenrechten“ wuchs. Das kann „Der Standard“ beweisen: Die Statistik zeigt, dass Polen und Kroatien bei den Abtreibungsraten absolute Schlusslichter sind. In diesem säkularen Fortschrittsbarometer scheint Österreich gar nicht auf: Hier haben die progressiven Sozialisten jegliche Abtreibungsstatistik einfach verboten. Stephan Baier

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