Glosse: Jetzt wird's in der Wahlkabine eng

„Ich brauch' Tapetenwechsel, sprach die Birke/ und macht' sich in der Dämmerung auf den Weg“: Das sang mit verrauchter Stimme die einst schwerberühmte Chanteuse Hildegard Knef. Heute ist diese Einsicht leider kaum noch verbreitet. Anstatt die Welt einfach mal aus einer anderen Warte zu betrachten und sich so einen Tapetenwechsel zu gönnen, scheint es nur noch die Extreme zu geben: Entweder wandert man aus oder man wirft mit theatralischer Geste das Handtuch wie neulich Claudia Stamm, die bislang für die Grünen im bayerischen Landtag saß. Saß: Denn sie kehrt ihrer – Achtung Wortspiel! – angestammten Partei nun den Rücken, aber nur, um zugleich, als wäre sie die Epigonin von Gabriele Pauli, die Gründung einer neuen anzukündigen. Wie originell! Als ob wir auf eine weitere Frustabladepartei warten würden, die einmal mehr in bekannter Großspurigkeit eine Lücke im programmatischen Wust der etablierten Parteien zu schließen verspricht. Wenn das so weitergeht, kommen wir mit dem Abwählen bald gar nicht mehr hinterher. Die Zeiten sind auch so schon unübersichtlich genug. Liebe unzufriedene Hinterbänkler, die ihr in irgendeinem Vorzimmer der Macht oder in eurer Lieblingskneipe sitzt und auf euren Einsatz wartet: Wer hätte kein Verständnis dafür, wenn ihr eurem aufgestauten Frust die Zügel schießen lasst? Das politische ist wie jedes Geschäft oft ungerecht und grausam. Aber bevor ihr im Furor des Augenblicks die Gründung einer Partei in Betracht zieht, bedenkt bitte: Zwischen einem spontanen Denen-werd-ich's-zeigen-Impuls und ernsthafter Politik besteht ein gewisser Unterschied. Wie papierverschwenderisch groß sollen die Wahlscheine noch werden? Die passen schon jetzt in keine Wahlkabine mehr. Also mäßigt euch und erspart uns Wählern die Mühe, euch wegignorieren zu müssen. Bernhard Huber

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