Glosse: Italien und die ars regendi

Von Stephan Baier

Ja, sicher: Nicht alles, was hinkt, ist schon ein Vergleich. Dennoch: Erinnert uns die Europäische Union nicht ein wenig an das alte „Heilige Römische Reich“ mit seinen kleinen und großen Herrschaften, seinen Monarchien und Republiken, seiner föderalistischen Schwerfälligkeit und seiner erstaunlichen Vielfalt? Auch in der EU von heute haben wir Große und Kleine, Monarchien und Republiken. Wir haben Politiker, die wie Sternschnuppen aufsteigen – und verglühen bevor wir uns ihren Namen merken konnten. Aber auch Politiker wie Jean-Claude Juncker, die irgendwie immer schon da waren und dem Auf und Ab demokratischer Wahlen entrückt zu sein scheinen.

Wir haben emsig Fleißige wie Merkel, hektisch Sprunghafte wie Sarkozy, mühsam Ideologische wie Zapatero. Wir haben sogar einen gewählten Regierungschef, der vor lauter Privatleben gar keine Zeit für Politik hat: Silvio Berlusconi. Nein, das ist keine Schande für Italien! Glücklich das Land, das von allen geliebt und bewundert wird, obwohl es von so einem regiert wird. Glücklich das Land, dessen Gesellschaft, Wirtschaft, Sport und Medien auch ohne Regierung funktionieren. Alle lieben Italien und schimpfen zugleich auf seine Regierung. Vielleicht funktioniert dort ja alles übrige, weil die Politiker mit sich selbst und der Ministerpräsident mit Partys beschäftigt sind? Es sei nicht schwierig, Italien zu regieren, aber nutzlos. Nein, das sagte nicht Berlusconi, sondern Mussolini. Ach, hätte er sich nur daran gehalten! Vielleicht wäre er zum Vorbild europäischer Politik erkoren worden. Vielleicht würde sich Angela Merkel auf ihn berufen, wenn sie bei der nächsten Kabinettssitzung verkündet: „Nö, heute wird nicht regiert! Erst spielen wir Mikado, dann ,Schwarzer Peter‘, aber mit Karten. Auf Politik hab ich heute keine Lust.

Themen & Autoren

Kirche