Glosse: In der familiären Versenkung

Von Bernhard Huber

Die schaurige Beklemmung, die Alfred Hitchcocks Thriller „Eine Dame verschwindet“ auszulösen vermag, ist nichts im Vergleich zu der Erkenntnis, dass diese Fiktion längst Wirklichkeit ist. Wir wissen natürlich, dass Kinder schon mal in Kaufhäusern verloren gehen. Die werden aber in der Regel an irgendeiner Kasse zum Abholen deponiert. Auch dass Männer spontan abhanden kommen, ist bekannt. Typisch dafür ist der Satz: „Ich geh nur mal schnell Zigaretten holen.“ Nun aber, als gelte es auch in dieser Frage eine Quote zu erfüllen, verschwinden reihenweise auch noch unsere Frauen, und zwar nicht im Bermuda-Dreieck, sondern in der ominösen Babypause. Das aber heißt nichts anderes als: Es kann jede treffen.

Ein dreiköpfiges Forschungsteam hat dieses Phänomen auf der Grundlage der Personaldaten eines namentlich nicht genannt werden wollenden deutschen Finanzkonzerns untersucht und Brisantes herausgefunden. Ein Großteil der Frauen schließe, so ein Ergebnis, nach der Geburt eines Kindes nicht in gleichem Maß an die zuvor „erfolgreiche Karriere“ an. Stattdessen machen sie, um es salopp zu formulieren, lieber einen auf Mutter. Nicht einmal die Hälfte der Mütter seien vier Jahre nach Beginn der Elternzeit ganz oder teilweise an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt, zwölf Prozent hätten das Unternehmen sogar „komplett“, was wohl soviel heißt wie restlos, verlassen. Vor allem die „erfolgreichen und überdurchschnittlich produktiven Frauen“ fielen durch die Babypause aus. Forscher wären natürlich keine, wenn sie nicht auch wüssten, was in dieser für die Unternehmen prekären Situation zu tun ist. Sie schlagen vor, Frauen „nachdrücklich“ zu vermitteln, dass sie auch mit Kindern in der Arbeitswelt gebraucht würden – und nicht in der familiären Versenkung verschwinden müssen.

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