Glosse: Immer diese Urlaubspredigten

Jedes Jahr zu Beginn der Sommerferien umgeht der eine oder andere Geistliche geschickt seine Hausaufgabe, eine solide homiletische Ausdeutung des Sonntagsevangeliums vorzunehmen, indem er in der Predigt kurzerhand Bezug auf die an- und aufbrechende Reisezeit nimmt. Wenn dann auch noch ein Weltjugendtag stattfindet, mit Teilnehmern aus der Gemeinde oder dem Pfarrverbund, kann man sich vor der steigenden Flut sattsam bekannter Migrationsmetaphern kaum noch retten. Wir sind nur Gast auf Erden, Nachfolge ist Bewegung, das Leben ist eine Pilgerfahrt, jeder Urlaub im Hotel „Paradiso“ ein Vorgeschmack auf das himmlische Jerusalem. Und so weiter. Auch die Kirche, heißt es dann oft, sei unterwegs, mobil, im Fluss, heißt: ständiger Veränderung unterworfen. Und schon ist man – wenn man denn will – bei dem, was man gerne verändert haben möchte. Eine Art Fahrplan wird aufgestellt, mit markanten Stationen. Diese sicher zu erreichen, so wird dann schließlich süffisant angemerkt, darum kümmere man sich, sobald man wieder zurück ist, im Alltag, mit neuer Kraft und frischen Mutes. Dann fällt es wahrscheinlich auch leichter, sich zum x-ten Mal den immer gleichen ollen Kamellen zu widmen. Dabei stellt sich natürlich die Frage, wie man diesem ewigen Auf und Ab der allumgreifenden Veränderungsdynamik entgehen kann. Zwei Möglichkeiten: zuhause bleiben – oder auswandern. Einmal ganz raus aus dem Hamsterrad stellt der Emigrant schnell fest, dass im nicht-deutschen Katholizismus ganz andere Fahrpläne gelten. Und noch etwas: Wenn man schon über die Sommerferien predigt, dann sollte man auch auf die Bibel eingehen. Dort finden wir im Buch Kohelet: „Es gibt im Krieg keinen Urlaub“ (Koh 8, 8). Die Bundeskanzlerin kann ein Lied davon singen. Josef Bordat

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