Glosse: Im Herbst der Patriarchen

„Es ist gar nicht so leicht, ein guter Kaiser zu sein.“ Das sprach einst, bedächtig und bedeutungsschwer, auf seinen Stock gestützt, einer, der es wissen musste – der vormalige sozialistische Bundeskanzler Österreichs, Bruno Kreisky. Der lange Zeit koalitionsfrei Regierende war da schon nicht mehr an der Spitze seiner Republik, geschweige denn seiner Partei. Doch in jener republikanisch korrekten Fernsehdebatte erinnerte er sich an seine Mühen, und das Publikum an Kaiser Franz Joseph. Ein Kaiser war in Europa (anders als in Japan) nie gottgleich, nie tabu, aber doch eine Vaterfigur mit Autorität. Wie Franz Joseph eben. Oder wie Kreisky, zumindest für die habsburgophobe linke Reichshälfte. Diese Zeiten sind vorbei. „Wer ist heute gerade Kanzler?“, fragen die Jungen.

Auch in den Ländern: Jene Archonten, die eine gefühlte Ewigkeit regieren, denen Wahlen nur Akklamationen des dankbaren Volkes für ihre gnädige Herrschaft schienen, treten der Reihe nach ab: Erwin Pröll in Niederösterreich, Sepp Pühringer in Oberösterreich… Jahrzehnte wanderten sie segnend und Steuergelder ausstreuend durch ihre Fürstentümer, unangefochten und geehrt. Sie hätten es nicht nötig gehabt, sich in den zahllosen Reden jedes harten Arbeitstages selbst zu rühmen. Sie taten solches nur, um die ihnen huldigenden Untertanen gnädiglich wohlwollend zu bestätigen. Ihre Landeskinder kannten sie beim Vornamen, wussten deren Stammbäume zu erzählen und die Geschichte vom arbeitslosen Urgroßonkel, dem sie in behördliche Stellung zu verhelfen geruhten. Nun aber dämmert die Zeit der Prölls und Pühringers, wie vordem die Zeit der Krainers und Kreiskys dämmerte. Die Gewöhnlichen erben ihre Ämter, langweilige Menschen wie wir. Wählbar scheinen sie und abwählbar darum. Nie war Österreich so wenig Monarchie wie morgen. Oder übermorgen. Stephan Baier

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