Glosse: Guten Abend, Frühlingsland!

Von Stephan Baier

Guten Morgen, schönes Abendland! Der europäische Herbst hat mittlerweile mehr Regierungen hinweggefegt als der arabische Frühling: Letzterer stürzte Zine el-Abidine Ben Ali in Tunis, Hosni Mubarak in Kairo und – mit nordatlantischer Luftunterstützung – Muammar al-Gaddafi in Tripolis. Ali Abdallah Saleh in Sanaa und Baschar al-Assad in Damaskus halten sich wider Erwarten noch an der Macht. Darum liegt Europa im Ranking gerade vorn, denn da fegte der europäische Herbststurm Giorgios Papandreou in Athen, Silvio Berlusconi in Rom sowie faktisch auch bereits José Luis Rodríguez Zapatero in Madrid, Iveta Radicová in Bratislava (Preßburg) und Borut Pahor in Ljubljana (Laibach) hinweg.

Natürlich: Kein Fall ist mit dem anderen vergleichbar. Jeder Sturz schmerzt auf seine je eigene Weise. So ist die Demonstrationsfreude im Süden ausgeprägter und im Norden schwächer. Das liegt am Wetter. In Tunesien, Ägypten, Libyen, Griechenland und Italien wurden die Machthaber ohne den Umweg über Wahlen ausgetauscht. Was nicht zwingend am Wetter liegt, wie Kenner Belgiens bestätigen können. Dort hängt man Fotos von König Albert II. auf, um sich selbst daran zu erinnern, dass es Belgien als Staat immer noch gibt. Dass man Kunststaaten gewaltsam (Jugoslawien) oder auch friedlich (Tschechoslowakei) entflechten kann, haben wir Europäer den Arabern kürzlich vorexerziert. Und da unsere britischen und französischen Freunde in Nordafrika und Nahost ausreichend willkürlich Grenzen gezogen haben, können wir jetzt aus nächster Nähe beobachten, ob die arabischen Frühlingsnationen eher dem tschechoslowakischen oder dem jugoslawischen Entflechtungsmodell folgen. An schlechten Beispielen sollte es ihnen nicht mangeln. Guten Abend, schönes Morgenland!

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