Glosse: Gerne, gerne, gerne

Von Johannes Seibel

Gerne. Diese Marketingfuzzis haben uns ja so gern. Deshalb träufeln sie seit einiger Zeit den Verkäufern und Verkäuferinnen dieses Deutschlands dieses so unverschämt freundliche Wort gerne ins Gehirn. Und wo der deutsche Michel dann auch geht und steht, in der Bäckerei, an der Tankstelle, im Blumenladen – allerorten grinst ihm ein „gerne“ entgegen, noch bevor er seinen Wunsch überhaupt äußern konnte. „Ich möchte dieses Rosinenbrö ...“ – „Aber gerne“.

Das lässt sich toppen. Gestern etwa, da pappte in dieser Bäckerei ein neues sonnengelbes, schick gestyltes Schild an der Kasse. „Gerne nehmen wir Ihre Geldscheine in Höhe bis zu 100 Euro an.“ Es hat einen früheren, selbstgeschriebenen, leicht vergilbten Zettel ersetzt. Dort stand klipp und klar folgende Ansage zu lesen: „Wir nehmen wegen früherer Betrugsfälle keine 200 und 500-Euro-Scheine mehr an.“ Aber gerne, hören wir die Betrüger da selig säuseln – und den Fuffi ziehen.

Dass die Politiker noch nicht auf den Trichter gekommen sind! Dann würden sie nicht so viel von Steuersenkungen schwafeln, sondern den Bürgern einfach einen Bierdeckel schicken, auf dessen Vordruck lediglich noch eine Zahl anzukreuzen ist: „Gerne spende ich • 500 Euro, • 5 000 Euro, • 50 000 Euro für den bedürftigen Staat.“

Die endgültige Krise jedoch bekommt der deutsche Mann, wenn er sein Auto falsch parkt, gerade noch rechtzeitig hinzusprinten kann, da die Politesse bereits die Verwarnung ausschreibt, und der Ertappte erschöpft lächelnd vorschlägt: „Ich bin ja da, jetzt können Sie das mit der Verwarnung ja lassen“ – und die Dame mit einem Ausbund an Nettigkeit antwortet: „Sie können gerne Widerspruch gegen die Verwarnung einlegen.“

Ach, Sie können mich gerne haben ... – ist doch wahr.

Themen & Autoren

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski
Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer