Glosse: Funktionsloses Textil

Stil ist eine Frage des Geschmacks, über den sich bekanntlich nicht streiten lässt, erst recht nicht, wenn es der Geschmack der Masse ist. Aber weil sich Geld damit verdienen lässt, fühlen sich viele dazu berufen, geschmacksbildende Maßnahmen gerade für die Masse zu kreieren. Was dabei herauskommt, nennt man Mode, die, sofern sie den Nerv des Publikums trifft, zum lukrativen Trend wird. Davon wiederum profitieren Stilkritiker, die sich deutend und deutelnd all dessen annehmen, was der Zeitgeist auf dem Leibe zur Schau trägt. Aber auch ohne deren Belehrung wissen wir, dass es beim Dresscode nicht nur darum geht, sich gut anzuziehen. Wir müssen uns auch richtig anziehen. Ausdrücke wie „der letzte Schrei“ oder „das trägt die Frau/der Mann von heute“ zeigen unnachgiebig, dass die Mode subjektiven Befindlichkeiten im Prinzip keinen Freiraum gestattet. Ihr Anspruch ist objektive Geltung, zumindest für eine Saison. Die Krawatte hat den Geltungsbereich der Mode inzwischen verlassen. Nachdem das männliche Erscheinungsbild viele Jahre ohne Krawatte undenkbar war, ist heute das genaue Gegenteil zu beobachten. Für die funktionslose Ästhetik dieses um den Hals geschlungenen Stücks Textil wird heute der höchste denkbare Preis einer Marktwirtschaft bezahlt, der des Verzichts. Dabei werden Modeexperten nicht müde, die Krawatte zum Symbol des Respekts gegenüber den Mitmenschen hochzustilisieren. Es ist ihnen auch ein Dorn im Auge, wenn sich Betuchte, die sich eigentlich einen Maßschneider leisten könnten, beim Modediscounter ausstaffieren. Dass Kleidung auch praktischen Zwecken dient, etwa der Bedeckung menschlicher Blöße oder der Aufrechterhaltung einer gedeihlichen Körpertemperatur, ist für sie in der Regel belanglos. Deshalb wird uns die Krawatte ihrer Überflüssigkeit zum Trotz noch lange erhalten bleiben. Bernhard Huber

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