Glosse: Flambierte Kondorfedern

Natürlich mussten wir hin, wo wir schon mal in Lima waren: in einen der neuen Gourmet-Tempel, in denen man sich jetzt für März 2018 auf die Warteliste setzen lassen kann. Zum Mittagessen, nicht zur Geschäftsübernahme. Die Küche ist der ganze Stolz Perus. Köche wie Gaston Acurio oder Virgilio Martínez sind Popstars. Und wie bei diesen gehen auch bei jenen die Meinungen auseinander. Nicht nur Lady Gaga wird gnadenlos überschätzt, sondern auch so manch einer aus der cocina novoandina. Ich bin ja ohnehin eher der Typ, der eine Grillwurst mit Bier für den höchsten Ausdruck der Haute Cousine hält, aber meine Frau meint, 130 Euro für einen Teller mit „übersichtlichem“ (Danke, Loriot!) Arrangement seien das Mindeste, das man der aufstrebenden peruanischen Küche angedeihen lassen muss. Zumal wir bei der Nummer fünf der Welt zu Gast sind, die sich auf Molekulargastronomie spezialisiert hat. Heißt: Man bekommt ein kleines Nichts aus aufgeblähtem Schaum auf einem wagenradgroßen Teller serviert und fragt sich, wann es was zu essen gibt. Das ganze geht über 27 Gänge. Man könnte die Sache abkürzen, indem man einfach alles zusammen mit Käse bestreut, in den Ofen packt und dann als Lasagne serviert, aber so essen wir eben nach und nach flambierte Kondorfeder in einem Mantel aus Paranüssen an karamellisiertem Kurkumapüree, was so schmeckt wie ein Stück Seife an Paranüssen, Süßkartoffelpuffer mit Lucumapesto (das wiederum schmeckt wie Sägespäne) und als krönenden Abschluss Tintenfischgazpacho mit einem Hauch von pulverisiertem Alpakaherz. Schmeckt wie Tintenfischgazpacho mit einem Hauch von pulverisiertem Alpakaherz. Ich freue mich jedenfalls jetzt schon wieder auf meine Grillwurst mit Bier. Die Nummer eins der Welt sind schließlich immer noch wir. Josef Bordat

Themen & Autoren

Kirche