Glosse: Er will doch nur verwalten ...

Von Stefan Rehder

Nicht wenige Politiker, die sich für Realisten halten, sind in Wahrheit Pragmatiker. Und obgleich dem Menschen kaum etwas leichter von der Hand geht, als sich über sich selbst zu täuschen, haftet einem solchen Irrtum Groteskes an. Denn der Unterschied zwischen Realisten und Pragmatikern könnte kaum größer sein. Während ein realistischer Politiker seine Aussichten, gewählt zu werden, von seinen Ansichten ableitet, pflegt ein pragmatischer Politiker von den Aussichten, gewählt zu werden, seine Ansichten abzuleiten. Auf welcher Seite Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) steht, schien lange Zeit unklar. Zwar durfte man sich darüber wundern, dass er nach der Landtagswahl in Hessen mit denselben Grünen eine Koalition bildete, die er zuvor noch verteufelt hatte. Doch ist dergleichen noch kein Erweis von Pragmatismus. Zu der Ansicht, dass sich auch mit den Grünen Politik machen lässt, können nämlich auch Realisten gelangen. Nur stände für sie nicht die Zahl der Ministerposten im Vordergrund, die ein solches Bündnis der eigenen Partei sichert, sondern die Frage, wie viele der eigenen Ansichten sich mit diesem Partner umsetzen ließen. Was Bouffier letztlich zur Koalition mit den Grünen bewog, weiß nur er selbst. Und dabei kann es bleiben. Denn inzwischen hat Hessens Landesvater klar gemacht, dass er überhaupt kein Politiker ist. Auf die Frage, ob sich die CDU nicht wieder mehr um Bürger kümmern müsse, die mit der AfD sympathisieren, gab er den achselzuckenden Satz zu Protokoll: „Es gibt eben Leute, die leiden daran, dass die Welt so ist, wie sie ist“. Wer die Ansicht nicht aufgeben will, dass Politiker die Welt zum Besseren verändern wollen sollten, wird Bouffier für einen Verwalter halten müssen. Ob Pragmatiker oder Realist, kann da völlig offen bleiben.

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