Glosse: Ein Fest für Europa

Zugegeben, dem Bild des stromlinienförmigen Politikers, das sich in Deutschland hoher Beliebtheit erfreut, entspricht Boris Johnson, der designierte britische Außenminister, nicht. Dafür hat der frühere Bürgermeister von London zu viel Exzentrik offenbart. Hillary Clinton verglich der Blondschopf mit einer „sadistischen Krankenschwester in einer psychiatrischen Klinik“, auch Recep Erdogan bekam von Johnson, der aus einer illustren, kosmopolitischen Familie stammt, sein poetisches Fett ab. Das schillerndste – frei nach Thomas Bernhard – Fest für Boris war die „Brexit“-Kampagne, die Großbritannien den Ausstieg aus der EU gebracht hat. Dazu eine neue Regierung. Was irgendwie Johnsons Plan war, wenn er sich auch selbst als Premier sah. Dass er nach seinem kurzfristigen Rückzug aus der politischen Verantwortung nun als Außenminister mitwirkt, ist ein Coup – ob für ihn oder Premierministerin Theresa May, muss man sehen. Erstaunlich sind die hämischen Reaktionen aus dem Ausland. Der Liberale Guy Verhofstadt, der beim Blick in den Spiegel und die EU-Chefetagen eigentlich eine gewisse Exzentriker-Toleranz entwickelt haben sollte, ätzt bei „Twitter“: „Eindeutig kennt der britische Humor keine Grenzen.“ Der französische Außenminister Jean-Marc Ayrault klagt: „Ich brauche ein Gegenüber, mit dem ich verhandeln kann und der eindeutig, glaubwürdig und verlässlich ist.“ Als hätte es solch einen Diplomaten in der Weltgeschichte jemals gegeben. Doch halt: Hatte Deutschland nicht auch mal einen Außenminister mit skurriler Vergangenheit? Stefan Meetschen

Themen & Autoren

Kirche