Glosse: Die große Spaltung

Von Stefan Rehder

Manchmal rächt sich die Natur eben doch. Das Atom, welches die Menschen meinten, spalten zu sollen, spaltet nun die Menschen. Unklar ist in der aufgeheizten Atmosphäre lediglich, in was. Was allerdings auch daran liegen mag, dass die Spaltung der Menschheit durch das Atom noch eine junge und daher unausgereifte Technologie ist. Glaubt man Kreisen in Deutschland, die sich für besonders konservativ halten, dann lassen sich die Spaltprodukte, die der Einstieg in den Ausstieg hinterlassen hat, jedoch in einem eigens angefertigten Periodensystem entsprechend ihrer Kernladung in vier Hauptgruppen einteilen: Opportunisten und Feiglinge sowie Vernünftige und Besonnene.

Unter Erstere rechnet der Konservative, dessen anschwellende Wut über steigende Strompreise durch kein Kühlaggregat in Zaum gehalten wird, entgegen der üblichen Praxis des weit verbreiteten Lagerdenkens diesmal Politiker jedweder Coleur. Das mag angesichts geschätzter Mehrbelastungen, die sich pro Jahr im unteren zweistelligen Eurobereich aufhalten sollen, nicht sonderlich besonnen wirken. Aber da die Schätzungen auf Studien basieren, die von Opportunisten und Feiglingen in Auftrag gegeben worden sind, mag es durchaus vernünftig sein, diese in Zweifel zu ziehen, noch bevor es Gelegenheit gab, sie einem Stresstest unterziehen. Auch das schnelle Ausbrüten von Verschwörungstheorien und ihre umgehende Einspeisung in das Gerüchtenetz darf als vernünftig betrachtet werden. Schließlich steht nicht weniger auf dem Spiel als der freie Fluss des Wirtschaftskreislaufes. Deshalb hat auch die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach, obwohl von adligem Geblüt, Unrecht, als sie schrieb: „Es gibt Fälle, in den es vernünftig ist, feige zu sein“.

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