Glosse: Der späte Sieg des Duce

Von Stephan Baier

Ohne Bewaffnung mit Konjunktiven ist das vor uns liegende Gelände nicht gefahrfrei zu durchqueren. Also: Hätte ein allzu Verwegener uns vor Monatsfrist vorhergesagt, der Landeshauptmann von Tirol (so der Titel des Regierungschefs des halb Tirol umfassenden österreichischen Bundeslandes) würde für Grenzkontrollen am Brenner plädieren und die Entscheidung über einen Zaun am Brenner den Wienern überlassen, wir hätten ihn einen Narren geschimpft. Mit zornbebender Stimme hätten wir versichert, kein Tiroler Landeshauptmann könne so geschichtsvergessen sein, seine Verantwortung für Südtirol zu negieren, die von fremden Mächten erwirkte, bald hundertjährige Spaltung Tirols mit eigener Hand zu vertiefen und Tirols Schicksal freiwillig in Wiener Hände zu legen. Oder wir hätten lachend gerufen: „Dass der Duce das nicht mehr erleben darf!“ Dann hätten wir (in einer Glosse) angeregt, Italiens Neofaschisten sollten dem Landeshauptmann einen Mussolini-Orden verleihen und ihm sicheres Geleit nach Elba zusichern, weil die Tiroler Bevölkerung einen solchen Politiker wohl in die Verbannung schicken werde. Was der Tiroler Freiheitsheld Andreas Hofer mit einem solchen Mann in den eigenen Reihen angestellt hätte, das zu erörtern ersparen wir uns mit Rücksicht auf die zarten Seelen unserer Leser. Aber auch Hofer wurde bekanntlich von einem Landsmann verraten. Der Landwirt Franz Raffl aus Prenn verriet den Franzosen 1810 für 1 500 Gulden das Versteck des Freiheitskämpfers. Der raffgierige Raffl galt daraufhin als „Judas von Tirol“ und starb 1830 verarmt in Bayern. Womit wir bei den Indikativen angekommen sind. Und in der Gegenwart, in welcher der Tiroler Landeshauptmann die dank EU irrelevant gewordene Grenze quer durch Tirol nun wieder kontrollieren lassen will. Stephan Baier

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