Glosse: Der Ärger nach dem Euro

Von Guido Horst

Nach dem Zusammenbruch des Euro hatte man sich auch im Vatikan dafür entschieden, eine eigene Geldwährung auszugeben und sich nicht mehr wie früher der italienischen Landeswährung anzuschließen. Zahlt man im Stiefelstaat wieder mit Lire und kann so viel Geld drucken, dass es brummt, wechseln nun im kleinen Kirchenstaat Rosenkränze oder Audienzfotos gegen Peterspfunde und Peterspfennige ihren Besitzer. Die Gold-Silber-Münzen sind recht nett anzuschauen und was die Scheine angeht, so hatte eine interdikasterielle Sonderkommission zu entscheiden, was als Schmuckmotiv zu nehmen ist. Da von „ganz oben“ der Wink gekommen war, dass der amtierende Pontifex nicht zur Verfügung steht – weder gestochen noch als Wasserzeichen –, beauftragte man schließlich die von Salesianern geführte Vatikandruckerei, das Pekuniäre mit dem Pädagogischen zu verbinden und die Scheine für die je fünf, zehn, zwanzig, fünfzig, hundert, zweihundert und fünfhundert Peterspfunde mit allegorischen Darstellungen der sieben himmlischen Tugenden zu schmücken. Seither wartet man im Vatikan auf Geldscheine und muss sich mit schweren Säckchen von Münzen zufrieden geben. Zwar haben altgediente Prälaten in der Apostolischen Bibliothek Spuren dieser alten Tugenden aufspüren können. Aber wie man Demut, Mildtätigkeit, Keuschheit, Geduld, Mäßigung, Wohlwollen und Fleiß heute noch darstellen kann, übersteigt die Kunst der Kupferstecher. Ein Vorschlag des Päpstlichen Kulturrats, stattdessen doch die sieben Todsünden in abstoßender Weise darzustellen, wurde schnell wieder fallengelassen. Und so rätselt man in Salesianer-Druckerei und Vatikanbank im Schatten des Petersdom immer noch, wie die Tugenden von einst heute wieder darzustellen sind.

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