Glosse: Das Elter und sein seliges Kind

Wer je pubertierende Kinder sein Eigen nannte, weiß, was Schuldgefühle sind. Und nun wissen wir auch, warum. „family“, ein „Magazin für Eltern und Patchworker“, klärt uns darüber auf – und des Aufgeklärtseins wegen lesen wir unaufgeklärte Eltern solche Magazine: Scheidungskinder haben es einfach besser! „Denn wer nicht geschieden ist, fährt in aller Regel noch ganz gerne gemeinsam in den Urlaub, und den müssen Eltern dann zur selben Zeit konsumieren, wenn sie nicht getrennt voneinander zweimal zwei Wochen mit den Kindern und ohne Partner verbringen wollen.“ Die fröhlich geschiedene Kolumnistin erklärt uns mit zwingender Logik, warum für alle, insbesondere für das Kind (im Singular, versteht sich) „Attersee und Wörthersee, Paris und Barcelona, Kroatien und Korsika“ besser ist als ein familiäres „oder“.

Was muten wir Noch-immer-nicht-Geschiedenen unseren Kindern (ja, im Plural) eigentlich zu? Die dürfen nicht zuerst mit Mama nach Korsika, dann mit Papa nach Kroatien, sondern müssen mit beiden Eltern zugleich in Urlaub fahren, dann vielleicht noch „zu allen Großelternteilen“ (die möglicherweise auch noch immer nicht geschieden sind), wie die Kolumnistin wittert. „Das Kind“ in den verbliebenen Noch-immer-nicht-Patchwork-Familien muss sich die karge Aufmerksamkeit von Vater oder Mutter nicht nur mit dem je anderen Elternteil teilen, sondern womöglich auch noch mit Geschwistern! Darum hat schon der Psychiater Paul Watzlawick gewarnt: „In der Wahl seiner Eltern kann man nicht vorsichtig genug sein!“ Stephan Baier

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