Glosse: Das Beste aus zwei Welten

Er habe, verriet der irische Lyriker, Dramatiker und Bühnenautor Oscar Fingal O'Flahertie Wills (1854–1900) einmal, „einen ganz einfachen Geschmack“: „Ich bin immer mit dem Besten zufrieden.“ Dabei lebte O'Flahertie Wills – vielen besser bekannt als Oscar Wilde – in zwei Welten. In der einen war er verheiratet und Vater zweier Kinder, in der anderen lebte er ungeniert seine homosexuelle Neigung aus, was ihm im viktorianischen Großbritannien einen Aufenthalt im Zuchthaus bescherte, von dem er sich nie erholen sollte. Seitdem hat die Menschheit nicht viel dazugelernt. Auch heute wollen viele Menschen das Beste aus zwei Welten. In Deutschland etwa fahren viele recht ungeniert japanische Autos, weil die serienmäßig besser ausgestattet sind als deutsche und in der Pannen-Statistik obendrein gut abschneiden. Oder sie nutzen chinesische Handys, weil die viel preiswerter sind als die Originale aus Cupertino und so mehr Geld übrig bleibt, um die Kinder auf eine ausländische Eliteuniversität zu schicken. Gern genommen werden auch ein Bundesfreiwilligenjahr in Australien, Neuseeland oder Kenia. Reisen bildet schließlich und das nirgendwo umfassender als im südlichen Pazifik oder in Ostafrika. Die Ferien verbringen sie – je nach Konfektionsgröße des Geldbeutels – in Dubai, Rabat, Istanbul oder auf Kreta, weil dort die Sonne öfter als in Dresden, Dortmund oder Dachau scheint. In der anderen Welt begeistern sie sich für die „Willkommenskultur“ Victor Orbans und die Aktien chinesischer Stacheldraht–Produzenten. Deren Exportschlager sind nicht nur rasiermesserscharf, sondern besitzen auch solche Widerhaken, dass niemand auf die Idee käme, sich daraufzulegen, um andere darübersteigen zu lassen. Und falls doch, dann ließe er sich immer noch unter Strom setzen. Wo kämen wir hin, wenn jetzt auch Afghanen, Marokkaner oder Afrikaner dächten, eine globalisierte Welt könnte vielleicht auch ihnen Chancen eröffnen? Stefan Rehder

Themen & Autoren

Kirche

Papst in Budapest
Budapest
Umkehr: Die wahre Reform der Kirche Premium Inhalt
In Budapest wurde die Tiefendimension der Kirche sichtbar: Mit Blick auf Christus ist sie jung, dynamisch, fröhlich, ökumenisch, missionarisch und attraktiv. Ein Kommentar.
16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier