Glosse: Besser nicht zu viel Wahrheit

Kann man in diesen Tagen eine Glosse schreiben, ohne Christian Wulff zu erwähnen, den Autor des Bestsellers „Besser die Wahrheit“? Ob nun Herr Wulff seinen Ehrensold für einen Ghostwriter investiert, um den Folge-Bestseller „Noch besser die ganze Wahrheit“ oder „Nichts als die reine Wahrheit“ auf den gierigen Buchmarkt zu bringen – wir kehren Sylt und Hannover den Rücken und richten den Blick auf den Balkan. Reist man nämlich von Hannover Luftlinie („den geraden Weg“, wie Politiker das nennen) nach Niš in Südserbien, dann liegt ziemlich genau auf halber Strecke das liebliche Wien – die östlichste Hauptstadt Westeuropas und die südlichste Nordeuropas. In Wien hätte Herr Wulff nicht zurücktreten müssen. Ein raunziges „Na und?“ hätte der politischen Klasse genügt, ein philosophisches „Und, hätten Sie's anders gemacht?“ auch den Bürgern.

Lange warf man in Wien dem Lobbyismus-Genie Peter Hochegger vor, er habe sich blaue und orange Politiker gekauft, doch im parlamentarischen Untersuchungsausschuss gelang Hochegger die ultimative Verteidigungsstrategie: nicht nur blaue und orange, sondern auch schwarze, rote und grüne. Mit Namen und Summen befriedigt der Mann die Neugier der Wähler, wie er bisher die Gier der Gewählten befriedigte. Auf die naive Frage, ob er die Politiker „alle gekauft“ habe, antwortet Hochegger nachdenklich: „Da gab es natürlich Grenzfälle...“. Ja, immer diese Grenzfälle, um die man dann im Beichtstuhl mit dem eigenen Gewissen ringt. Im Fall Herrn Hocheggers tun es auch Yoga-Übungen. Außerdem hat der bekennende Freimaurer und Pantheist den Hinduismus studiert und ist ein glücklicher Mensch. Und sicher auch ein amüsierter, denn das ganze bunte Polit-Panoptikum tanzt noch ein letztes Mal zu seiner Musik. Stephan Baier

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