GLOSSE: Auswärtsspiel zu Hause

Es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Etwa am vergangenen Freitag in Berlin beim Kicken der Deutschen gegen die Türken. Dort waren nämlich mehr gebürtige Türken im Stadion als gebürtige Deutsche versammelt – der Einfachheit halber sind als Deutsche alle Stämme gemeint, also auch die deutschen Fans mit ostpreußischem und DDR-Migrationshintergrund. Dabei gewannen die Deutschen drei zu null mit Mesut Özil gegen die Türken mit Nuri Sahin und Hamit Altintop – aus Pietät sei dessen bei Eintracht Frankfurt unter Vertrag stehender Zwillingsbruder Halil an dieser Stelle nicht erwähnt, da er das mögliche eins zu eins für die Türken versemmelte.

Was jetzt jedoch weiter in tiefste staatsphilosophische Abgründe führt, ist die Tatsache, dass alle bisher erwähnten Kicker dort geboren und aufgewachsen sind, wo die Schalker Arena im Volksmund noch dem Ernst Kuzorra sein Stadion heißt, also im Ruhrgebiet, und wobei die für die Türkei spielenden Türken vereinsmäßig in Deutschland unter Vertrag stehen, der für Deutschland spielende Mittelfeldstar türkischer Herkunft beim spanischen königlichen Club Real Madrid seine Millionen verdient, der deutsche Trainer Joachim Löw, in seiner Jugend im schwarzwäldischen Schönau als Ministrant gemeldet, auch schon einmal die türkischen Vereine Fenerbahçe Istanbul und Adanspor coachte, und der türkische Trainer Guus Hiddink in Wahrheit ein Holländer ist, der jedoch als vorhergehender Nationaltrainer Südkoreas, Australiens und Russlands stets gegen Deutschland verliert. Es gibt also das richtige Leben im Falschen, und wenn nur als Auswärtsspiel zu Hause. Oder anders formuliert: Integration ist, wenn man trotzdem lacht. Johannes Seibel

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