Glosse: 2013 wird wie 2012, nur anders

Von Stephan Baier

Damit wir endlich wissen, was wir 2012 erlebten, oder was wir versäumten, weil es schon zum Zeitpunkt des Geschehens unsere Wahrnehmungsschwelle nicht überschritt, präsentieren uns Medien derzeit haufenweise Jahresrückblicke. Wer als Zeitzeuge jetzt autoritativ erfahren will, wie wir das Jahr zu bilanzieren haben, horche dorthin, wo die Deutungshoheit zuhause ist: in den oft fälschlich mit dem Boulevard assoziierten Medien, die Stammtische von Nationen sind, in den Fernsehlangeweileshows und an den real existierenden Stamm- und Kaffeehaustischen. Dort fällt das Urteil differenziert aus: Zwar trat der versprochene Weltuntergang nicht ein, zumindest nicht kollektiv und global, doch wird die Welt weiter von Wahnsinnigen regiert. Nicht immer und überall, aber mehrheitlich und meistens. Wie die Mehrheit der Fußballfans sicher mehr Tore geschossen und weniger reingelassen hätte als ihre Lieblingsfußballmannschaft, wenn diese gerade ein Spiel verlor, so weiß die Mehrheit der politisierenden Bürger viel besser, wie ihre Stadt, ihr Land und der Rest der Welt zu regieren wären – und warum „die da oben“ immer alles falsch machen.

Daraus aber entsteht ein Teufelskreis: Weil die da oben immer alles falsch machen, müssen wir da unten immer auf sie schimpfen. Weil wir da unten aber immer auf die da oben schimpfen, will keiner von denen, die es sicher besser könnten, zu denen da oben gehören. Und darum wird die Welt auch 2013 von Wahnsinnigen regiert werden. Nicht immer und überall, aber – wie gesagt – mehrheitlich und meistens.

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