Glosse: 100-prozentig mit Schulz

Unterschiedlicher kann ein Wochenende nicht verlaufen. Während Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) keine Mühen scheute, um dem neuen US-Präsidenten Donald Trump endlich die Hand zu schütteln und dabei – Vorsicht Fake news – ins Leere griff, erlebte ihr gefährlichster Herausforderer um das Kanzleramt, Martin Schulz, einen innerparteilichen Triumph der Sonderklasse, der weder einen Vergleich mit Erich Honecker (DDR) oder Kim Jong Un (Nordkorea) fürchten muss. Mit 100 Prozent Zustimmung wurde Schulz zum neuen SPD-Vorsitzenden gewählt. So groß ist die Euphorie in der traditionellen Arbeiterpartei, dass Schulz mit seinen Händen den Genossen-Applaus zu dämpfen versuchte. Lediglich drei Wahlberechtigte, deren Stimmabgabe ungültig war, haben nicht für den Mann, der erst das Rathaus in Würselen, dann das Europäische Parlament und jetzt die SPD erobert hat, direkt gestimmt. Sehr wahrscheinlich – eventuell Fake news – war Schulz, der stets bescheiden und demütig auftritt und das Wort „Respekt“ mag, unter diesen Quasi-Verweigerern des neuen Kurses. Macht also zwei interne Kritiker, die zu dumm sind, den Wahlzettel richtig auszufüllen – damit kann man leben. Zumal ja inhaltlich bei Schulz noch fast alles offen ist. Okay, er ist für Europa und gegen den Rechtspopulismus. Außerdem ist er – zumindest den Worten nach – für Gerechtigkeit. Alles irgendwie logisch bei einem SPD-Kanzlerkandidaten und Vorsitzenden. Dass er in Richtung Türkei poltern kann, hat Schulz an diesem Wochenende aber auch bewiesen. Die unsäglichen Nazi-Vergleiche Erdogans gegen Merkel bezeichnete Schulz als eine „Frechheit“ und „Unverfrorenheit“. Ein symbolischer Handschlag. Ein Zeichen der Solidarität. Merkel wird es gefreut haben. Vielleicht sogar 100-prozentig. Stefan Meetschen

Themen & Autoren

Kirche