Gewalt in den Religionen

Podiumsdiskussion mit Lamya Kaddor, Stephan Kramer und Heinz-Günther Stobbe Von Michael Leh
Foto: Leh | Stephan Kramer, Lamya Kaddor, Matthias Schreiber, Heinz-Günther Stobbe (v.l.n.r).
Foto: Leh | Stephan Kramer, Lamya Kaddor, Matthias Schreiber, Heinz-Günther Stobbe (v.l.n.r).

Besonders das Wüten des „Islamischen Staates“ verlieh dem Tagungsthema düstere Aktualität. Die „Gewalt in den Religionen“ stand im Mittelpunkt der 60. Gesamtkonferenz der katholischen Militärgeistlichen, Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten in Berlin. Vorträge und Diskussionen behandelten den Fundamentalismus in Weltreligionen, den Islam und Islamismus, Ursachen der Radikalisierung und die Verletzung von Religionsfreiheit weltweit. Die „Verzweckung der Religion für Gewalt“ müsse „unbedingt überwunden“ werden, erklärte der Bischof von Essen, Franz-Josef Overbeck, der zugleich katholischer Militärbischof für die Bundeswehr ist.

Über „Gewalt in den Religionen“ diskutierten auch der frühere Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor und der christliche Theologe Heinz-Günther Stobbe. Der 1968 in Siegen geborene Kramer studierte Jura und Volkswirtschaftslehre, er konvertierte als Erwachsener zum Judentum.

Die 1978 im westfälischen Ahlen als Tochter syrischer Einwanderer geborene Lamya Kaddor hat Arabistik und Islamwissenschaft studiert, erteilt in Dinslaken im Ruhrgebiet islamischen Religionsunterricht und beschäftigt sich derzeit auch wissenschaftlich mit dem Leben muslimischer Schüler in Deutschland. Sie ist Vorsitzende des 2010 gegründeten Vereins „Liberal-Islamischer Bund“. Dieser tritt laut Selbstdarstellung insbesondere auch für eine „dogmafreie Auslegung religiöser Schriften wie dem Koran“ ein, auch unter Einbeziehung historischer und sozialer Kontexte, sowie für eine „umfassende Geschlechtergerechtigkeit“.

Dieses Jahr erschien Lamya Kaddors Buch „Zum Töten bereit – Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen“. Dinslaken-Lohberg hatte sich zu einer „Hochburg“ von Salafisten entwickelt. Auch fünf ehemalige Schüler von Kaddor hatten sich der „Lohberger Brigade“ angeschlossen und sind als Dschihadisten nach Syrien gereist. „Als ich davon erfuhr“, schreibt Kaddor in ihrem Buch, „empfand ich es als persönliche Niederlage.“ Immerhin vier ihrer fünf Ex-Schüler hätten rechtzeitig ihren „Riesenfehler“ erkannt und seien jedenfalls nach kurzer Zeit wieder zurückgekehrt: „Nur einer blieb dort und hielt am Irrglauben fest, für die Sache Gottes zu kämpfen.“

Der 1948 geborene Heinz-Günther Stobbe – er lehrte bis 2014 als Professor für systematische Theologie und theologische Friedensforschung an der Universität Siegen – erklärte, das Thema Gewalt sei „von Anfang an und zentral“ im christlichen Glauben beheimatet. Im innersten Kern des Passionsgeschehens werde die Andersartigkeit der Herrschaft Christi im Vergleich zu irdischer Herrschaft betont, die sich insbesondere im bewussten Verzicht Jesu manifestiere, sein gewaltsames Ende durch Flucht zu vermeiden oder gar durch gewaltsame Gegenwehr abzuwenden. Statt auf einem Kriegsross reite Jesus auf einem Esel als Friedensfürst in Jerusalem ein. Nicht die Bereitschaft, im Ernstfall für den Glauben zu töten, sondern sich für den Glauben töten zu lassen, werde zum Kennzeichen des christlichen Glaubens.

Explizite Aussagen zum Problem politischer Gewalt fänden sich in den neutestamentlichen Schriften eher selten. Für das frühe Christentum als verfolgte oder bestenfalls erlaubte Religion im römischen Staat, die an der Staatsmacht noch keinen Anteil hatte, habe sich die Frage nach der politischen Verantwortung von Christen und zumal von christlichen Staatsbeamten noch nicht gestellt. Deswegen schwiegen die neutestamentlichen Texte weitgehend zum Phänomen politischer Gewalt und insbesondere zum Krieg. Einschneidende Änderungen seien erst später eingetreten, als das Christentum Staatsreligion wurde.

Kramer erklärte, bei Diskussionen über Gewalt im Islam werde einem oft entgegenhalten, wer im Glashaus sitze, solle nicht mit Steinen werfen. „Aber“, fragte er, „können die hebräische Gewalt in der Antike und die christliche Gewalt im Mittelalter die Hartnäckigkeit muslimischer Gewalt in der Moderne weg erklären?“ Ein wesentlicher Unterschied ist seiner Ansicht nach, dass islamische Theologie Gewalt befehle. „Gebote zum Töten, ethnische Säuberungen zu begehen, Rassentrennung zu institutionalisieren, andere Rassen und Religionen zu hassen, das gibt es alles in der Bibel. Diese Texte sind aber niemals zum Werkzeug jüdisch-christlicher Weltanschauung gemacht worden, wie das im Koran der Fall ist“, sagte er. Biblische Berichte über Gewalt seien „beschreibender Natur“, Gewalt nicht dauerhaft vorgeschrieben. „Das ist der Punkt, an dem die islamische Gewalt einzigartig ist“, so Kramer. „Bestimmte Aspekte“ islamischer Gewalt und Intoleranz seien im islamischen Recht „standardisiert worden und gelten für alle Zeiten“. Die „im Koran vorgefundene Gewalt“ habe einen historischen Kontext, „aber ihr ultimatives Ziel ist meiner Ansicht nach theologisch“.

Lamya Kaddor widersprach, und zwar im Wesentlichen mit dem Argument, dass es nicht nur ein einziges Islamverständnis gebe und der Koran auch anders interpretiert werden könne. „Zwar kann man Gewalt relativ schnell ableiten aus dem Koran, wenn man das will“, sagte sie, „aber wenn man dann an dem Punkt ist, Gewalt anwenden zu können, wird Gewalt extrem stark reglementiert, es gibt zig Vorschriften.“ Im Christentum sei es zwar „unheimlich schwer“, Gewalt aus der Schrift abzuleiten, „aber wenn dann Gewalt angewendet wird, ist sie häufig maßlos“, so Kaddor. „Der Islam“, erklärte sie, „hat einen sehr pragmatischen, vielleicht auch den pragmatischsten Umgang mit Gewalt, würde ich fast schon behaupten.“

Auch die „Vorstellung vom Dschihad“ sei im Koran nicht hauptsächlich mit Krieg und Kampf verknüpft. Wortwörtlich bedeute der Begriff nur „Anstrengung“ oder „Bemühung“. Es gebe zwei Formen dieser Bemühung: Die wichtige Bemühung liege darin, täglich eine Art Selbstüberwindung und -läuterung durchzuführen. Das sei der dshihad al-akbar, der „größere Dschihad“. Der „kleinere Dschihad“ (dshihad al-ashgar) beziehe sich vor allem auf kriegerische Verteidigungskämpfe, aber auch Eroberungskämpfe. Diese theologischen Konzeptionen müssten im historischen Kontext betrachtet werden. Während sich das Verständnis von „Dschihad“ und damit auch das Verständnis von Gewaltanwendung im Laufe der Zeit stark verändert habe, gehe der „sogenannte Islamische Staat wieder zurück und versucht perfide, die Bezüge zu Mohammed und der Frühzeit des Islam herzustellen“.

Auch der „berühmte Schwert-Vers, Vers 5 der Sure 9 – „Bekämpft die Ungläubigen, wo immer ihr auf sie trefft?“ – habe einen historischen Hintergrund. Nie sei er konsequent durch die gesamte islamische Geschichte so eingehalten worden, „als dass wir jetzt alle Ungläubigen oder Andersgläubigen mit dem Schwert bekämpfen müssten“. Es handele sich nicht um ein „theologisches Handlungsprinzip“. Gewalt sei auch im Koran immer „kontextbezogen“. „Wir Muslime glauben“, sagte Kaddor, „dass der Koran das direkte Wort Gottes ist. Das heißt aber nicht, dass ich das Wort nicht interpretieren darf.“ Sie spreche nicht von einer „historisch-kritischen“, aber doch von „historisierender, kontextualisierter Lesart“ des Koran. Kaddor räumte ein, dass ihr „liberales Islamverständnis“ eine „sehr junge Pflanze“ sei. Für die Muslime in Deutschland bestünde eine „relativ einmalige Chance“, das Islamverständnis zu ändern. In den „islamischen Kernländern“ sei dies unmöglich: „Das sind alles irgendwelche Diktaturen oder Regime, die gar kein Interesse daran haben, dass sich ein Islamverständnis liberalisiert.“ Und: „Menschen wie ich würden dort sofort wenn nicht getötet, so doch zumindest ganz schnell ausgewiesen.“

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