Geteiltes Echo

Auf den 114. Deutschen Ärztetag wurden ethisch relevante Beschlüsse gefasst. Von Stefan Rehder
Foto: dpa | Neuer Präsident der Bundesärztekammer: Frank Ulrich Montgomery.
Foto: dpa | Neuer Präsident der Bundesärztekammer: Frank Ulrich Montgomery.

Die deutsche Ärzteschaft hat einen neuen Repräsentanten. Am Donnerstag kürten die Delegierten des 114. Deutschen Ärztetages den Hamburger Oberarzt Frank Ulrich Montgomery im zweiten Wahlgang mit 128 von 246 gültig abgegebenen Stimmen zum neuen Präsidenten der Bundesärztekammer. Der 59-jährige Radiologe, der sich gegen vier Mitbewerber durchsetzten musste, tritt die Nachfolge des Pathologen Jörg-Dietrich Hoppe an, der 12 Jahre lang an der Spitze der deutschen Ärzteschaft stand. Der inzwischen 70-jährige hatte bereits im vergangenen Jahr angekündigt, nicht noch einmal für das Amt des Präsidenten der Bundesärztekammer kandidieren zu wollen. Montgomery, der zuletzt vier Jahre als Stellvertreter Hoppes fungierte und davor 18 Jahre lang die Ärztegewerkschaft Marburger Bund geführt hatte, gilt als jemand der auch in ethisch relevanten Fragen klare Standpunkte vertritt. So hat der Sohn eines britischen Offiziers und einer deutschen Ärztin in der Vergangenheit beispielsweise mehrfach gegen die Zulassung von Gentests oder eine Liberalisierung der Sterbehilfe deutlich und vernehmbar Position bezogen. Die medizin-ethischen Beschlüsse, die der gestern in Kiel zu Ende gegangene 114. Deutsche Ärztetag im Verlauf dieser Woche fällte, werden dem Vater zweier Kinder daher auch nur bedingt gefallen können.

Auch bei Lebensrechtlern und anderen Verbänden sind die von den Delegierten gefassten Beschlüsse auf ein differenziertes Echo gestoßen. So begrüßte gestern etwa die Bundesvorsitzende der Christdemokraten für das Leben (CDL), Mechthild Löhr, dass sich der Ärztetag „mit deutlicher Mehrheit“ für ein Verbot der Beihilfe zum Suizid ausgesprochen habe. In der neu gefassten Berufsordnung – dem verbindlichen Standesrecht der Ärzte – heißt es künftig: „Ärztinnen und Ärzte haben Sterbenden unter Wahrung ihrer Würde und unter Achtung ihres Willens beizustehen. Es ist ihnen verboten, Patienten auf deren Verlangen zu töten. Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten“.

Nachdem sich die Ärzte hier sehr eindeutig für den Lebensschutz positioniert hätten, sei „nun die Politik gefordert“. Sie müsse zum einen nun die Palliativmedizin und die Hospizbetreuung weiter fördern und ausbauen, und zum anderen „jede Form von Sterbebeihilfe in Deutschland“ unterbinden. „Eine humane Gesellschaft“ dürfe den Suizidwunsch des Einzeln nur als das verstehen, was er tatsächlich sei, nämlich „als Ausdruck der Hilflosigkeit, seine eigenen unerträglich erscheinenden Lebensumstände zu ändern“, so Löhr.

Die Vorsitzende des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes (DHPV) Birgit Weihrauch, erklärte die Suizidhilfe tangiere das „Vertrauensverhältnis zwischen Ärzten und ihren Patienten“. Diese müssten „auch in Zukunft auf eine menschenwürdige Betreuung und Begleitung vertrauen können“. Weihrauch begrüßte auch die Forderung der Ärzteschaft zum Ausbau der Palliativmedizin.

Auch die Bundesvorsitzende der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA), Claudia Kaminski, lobte, dass der Ärztetag nun „unmissverständlich klargestellt“ habe, „dass nicht nur die ,Tötung auf Verlangen‘, sondern auch der ärztlich assistierte Suizid mit dem Arzt-Ethos unvereinbar sind“.

Dass sich eine „erschreckend große Mehrheit“ der Delegierten für eine begrenzte Zulassung der PID ausgesprochen habe, bezeichnete Kaminski jedoch als „zutiefst bedauerlich“ und „völlig inkonsequent“. „Würde des Menschen und der Schutz seines Lebens“ seien „unteilbar“. Auf ihre Achtung habe jeder Mensch das gleiche Anrecht, „unabhängig von Stadium seiner Entwicklung oder dem Ausmaß körperlicher und geistiger Beeinträchtigungen“, so die ALfA-Bundesvorsitzende weiter. Anders als die Pränatale Diagnostik, die – ungeachtet ihres Missbrauchs in der medizinischen Praxis – auch wichtige Erkenntnisse für eine der Gesundheit des Ungeborenen dienenden Geburtsvorbereitung sowie der frühzeitigen Einleitung von Therapien dienen könne, sei die PID ein „reines Selektionswerkzeug“. Mit ihrem Beschluss zur PID entferne sich die Ärzteschaft weiter „vom ursprünglichen Auftrag des Arztes, Krankheiten zu heilen und – wo dies unmöglich ist – Leid zu lindern und Trost zu spenden“, kritisierte Kaminski, die selbst Ärztin ist. Der Grund: „Mit der PID können und sollen ungeborene Menschen mit genetisch bedingten Beeinträchtigungen nicht therapiert, sondern bloß aufgespürt und ausselektiert werden. Eine derartige Auslese ist mit dem Arzt-Ethos jedoch genauso unvereinbar wie jede Form der Sterbehilfe.“ Die Lebensrechtlerin erinnerte daran, dass der Gesetzgeber jedoch „nicht der Ärzteschaft, sondern dem Grundgesetz verpflichtet“ sei. „Und mit dem Grundgesetz ist nur ein Verbot der Präimplantationsdiagnostik (PID) vereinbar“, so Kaminski.

Dagegen haben die vom Ärztetag geforderten Änderungen des Transplantationsgesetzes bislang noch keine Reaktionen hervorgerufen. Um mehr potenzielle Organspender zu gewinnen, soll jeder Bürger aufgefordert werden, seine Haltung zur Organspende zu bekunden. Die Delegierten folgen damit dem Vorschlag der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer, die das sogenannte „Modell einer Informations- und Selbstbestimmungslösung mit Erklärungspflicht“ entwickelt hat. Es entspricht weithin dem Vorschlag, des CDU/CSU Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder, der jeden Bürger zu Lebzeiten zu seiner Haltung zur Organspende befragen lassen will. Die Antwort soll in einem persönlichen Dokument wie dem Führerschein vermerkt werden.

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