Gestoppt, noch nicht besiegt

Roger Kusch hat fertig. Der ehemalige Hamburger Justizsenator will künftig keine Menschen mehr beim Suizid begleiten. Das kündigte der frühere CDU-Politiker jetzt in einem ganzseitigen Interview der aktuellen Ausgabe des Magazins „Der Spiegel“ an. Damit beugt sich „die lächelnde Guillotine“, wie der frühere Senator wegen seiner Personalpolitik im Hamburger Rathaus auch genannt wurde, nun überraschend einem Beschluss des Hamburger Verwaltungsgerichts. Das hatte Anfang Februar in einem Eilverfahren entschieden, die von Kusch gegen ein Honorar von 8 000 Euro angebotene Suizidbegleitung sei „gewerberechtlich nicht erlaubt“, „sozial unwertig“, „gemeinschafts- schädlich“ und mit dem „ Menschenbild des Grundgesetzes“ unvereinbar (Az.: 8 E 3301/08).

Ursprünglich hatte Kusch angekündigt, Beschwerde gegen diesen Beschluss einzulegen. Nun rudert er zurück. Er halte den Beschluss zwar für falsch, werde ihn aber respektieren, erklärte Kusch dem „Spiegel“. Als Grund für seinen Sinneswandel gab Kusch Schwierigkeiten an, die für den Suizid erforderlichen Arzneimittel legal zu beschaffen: „Sie müssen immer mit Tricks und Heimlichkeiten arbeiten, und das finde ich am Lebensende unwürdig“.

Für nicht unwürdig erachtete Kusch dagegen offenbar, lebensmüden Menschen gegen eine Zahlung von 8 000 Euro dabei zu helfen, sich selbst aus dieser Welt zu schaffen. Fünfmal hatte er dies schon im vergangenen Jahr praktiziert und daran offenbar nicht schlecht verdient. Denn wie aus dem 25-seitigen Beschluss hervorgeht, berechnete der Jurist sterbewilligen „Mandanten“ 3 250 Euro pro „Hausbesuch“, von denen der zweite einen tödlichen Ausgang vorsah. Die restlichen 1 500 Euro soll ein mit Kusch zusammenarbeitender Psychiater für die Erstellung eines psychiatrischen Gutachtens erhalten haben, das – auch aus Gründen des Selbstschutzes – den „Nachweis der Willensfreiheit des Suizidenten“ erbringen sollte.

Das einträgliche Geschäft wäre wohl noch weitergegangen, hätte die Hamburger Innenbehörde nicht beherzt eingegriffen. Diese untersagte Kusch bereits Ende November, die von ihm praktizierte Form der Suizidbeihilfe weiterhin anzubieten. Kusch, der die Rechtmäßigkeit der Verbotsverfügung anzweifelte, reichte Klage ein, und forderte die Rücknahme des Verbots bis zu einer rechtskräftigen Entscheidung in der Hauptsache. Als die Hamburger Verwaltungsrichter daraufhin im Eilverfahren gegen ihn entschieden, kündigte Kusch in einer Pressemitteilung des von ihm ins Leben gerufenen Vereins „Dr. Roger Kusch Sterbehilfe e.V.“ an, gegen den Beschluss Beschwerde beim Oberverwaltungsgericht einzulegen.

Dass Kusch davon jetzt Abstand nimmt, dürfte weniger der behaupteten Einsicht geschuldet sein, als vielmehr dem Versuch, die Ermittler, die ihre Arbeit wegen des Verdachts auf Verstoß gegen das Arzneimittelschutzgesetz aufgenommen haben, gnädig zu stimmen. Denn sollten Kusch tatsächlich Verstöße gegen das Arzneimittelschutzgesetz nachgewiesen werden können, dann drohen dem früheren Justizsenator nicht nur strafrechtliche Sanktionen, sondern auch der Entzug seiner Zulassung als Anwalt.

Dieser Preis ist offenbar höher als Kusch, der sich bis vor kurzem noch als jemand inszenierte, der ebenso mutig wie selbstlos für das Recht seiner Mitmenschen auf uneingeschränkte Selbstbestimmung eintrat, zu zahlen bereit ist. So erfreulich der Rückzug Kuschs ist, eines ist er nicht: die Lösung des Problems. Denn wenn es stimmt, dass von den rund 1 000 Personen, die sich im vergangenen Jahr an den aus Funk und Fernsehen bekannten Suizidbegleiter wendeten, rund 300 konkrete Todeswünsche geäußert haben, dann sind die fünf Personen, denen Kusch dabei half, diesen Wunsch in die Tat umzusetzen, nur die Spitze eines riesigen Eisberges.

Mit einer Verurteilung Kuschs wäre es daher natürlich auch dann nicht getan, wenn sich der ehemalige Politiker nicht nur moralisch, sondern auch rechtlich etwas zu Schulden hätten kommen lassen. Das würde allenfalls Nachahmer abschrecken, wie Kusch das Rampenlicht zu suchen.

Unabhängig vom weiteren Verlauf der Causa Kusch, müssen Staat und Gesellschaft daher jetzt endlich ernsthaft danach fragen, was Menschen, die nicht unter entsetzlichen körperlichen Qualen leiden, dazu bringt, den Tod dem Leben – und sei es auch nur scheinbar – vorzuziehen. Die Gründe, das zeigen schon die Interviews, die Kusch im Internet veröffentlichte, sind vielfältig: Angst vor den Zuständen in Pflegeheimen wie vor dem Verlust der eigenen Selbstständigkeit gehören genauso dazu, wie ein mangelndes Selbstwertgefühl aufgrund nicht vermittelter Wertschätzung durch andere. Auch die Tatsache, dass immer weniger Menschen an ein Leben nach dem Tod glauben, mag eine Rolle spielen. Dies nicht zuletzt, weil auch in den Kirchen immer seltener davon die Rede ist.

Auf all diese Probleme gilt es jetzt mehr denn je, überzeugende Antworten zu geben. Mit Worten, aber noch wichtiger: mit Taten. Dann wäre Kusch tatsächlich besiegt und nicht bloß gestoppt worden. Kusch darf und soll aufgeben, eine humane Gesellschaft kann und darf das nicht!

Themen & Autoren

Kirche