Gegen Resignation und Gleichgültigkeit

Das Weltfriedenstreffen verabschiedet einen Appell zum Frieden und ruft den Gläubigen die Macht des Gebetes in Erinnerung. Von Michaela Koller
Foto: KNA | Die Welt zu Gast in Osnabrück und auf Einladung der Gemeinschaft Sant‘Egidio: Würdenträger verschiedener Konfessionen und Religionen auf der Abschlussveranstaltung des Weltfriedenstreffens am 12.

Den Vorsatz, auf die Macht des Gebets gegen die Gefahr von Atomwaffen zu vertrauen, haben sich am Dienstag die Verfasser eines internationalen Friedensappells vorgenommen. Auf Einladung der Gemeinschaft Sant'Egidio versammelten sich rund 3 000 Menschen aus aller Welt in Osnabrück und in Münster, den Städten des Westfälischen Friedens. Die 1968 in Rom gegründete Gemeinschaft richtet seit 1987 jährlich Friedenstreffen aus. Sie versucht alljährlich, mit einem klaren Auftrag bis zur nächsten Begegnung zu arbeiten. Diesmal verpflichteten sich die Teilnehmer, die Beseitigung von Konfliktursachen in Angriff zu nehmen: „Die Gier nach Macht und Geld, der Waffenhandel, der Fanatismus und der Nationalismus.“ Erstmals nach Ende des Kalten Kriegs erscheine wieder die Gefahr eines Atomkriegs, diesmal ausgehend „vom Fernen Osten“, gemeint ist Nordkorea. Auf die rhetorisch gestellte Frage hin, was die Gläubigen tun können, heißt es in dem Appell: „Vielleicht mehr als sie selbst hoffen und sich vorstellen. Vor allem können sie beten!“ Die Gläubigen hätten eine große Verantwortung, denn sie müssten gegen Resignation und sogar Gleichgültigkeit kämpfen. Auf diese Weise solle ein erstes Ziel erreicht werden, „Wege des Friedens“ zu eröffnen, das der diesjährigen Veranstaltung ihren Namen gab.

Nach mehr als zwei Dutzend Einzelveranstaltungen seit Sonntagnachmittag kamen die Vertreter einzelner Religionsgemeinschaften getrennt zu Gebetstreffen zusammen. Bei der ökumenischen Feier im Dom erinnerte der evangelische Bischof von Berlin-Brandenburg und der schlesischen Oberlausitz, Markus Dröge, an das Motto der Friedensbewegung in der DDR Anfang der achtziger Jahre „Schwerter zu Pflugscharen“. Das Bild des Mottos ließ die kommunistische Führung durch Sicherheitskräfte mit Gewalt entfernen. Das Motto wurde aber schließlich weltweit bekannt.

Vor dem spätgotischen Rathaus am Marktplatz in Osnabrück, wo 1648 der Westfälische Friede ausgehandelt wurde, prangte das Logo der Gemeinschaft Sant'Egidio, die grafische Darstellung einer Friedenstaube, vor dem Hintergrund bunter Dreiecke als Symbol des Bundes mit Gott, auf einer großen Leinwand über der Bühne. Gegen 18.45 Uhr zogen Bischöfe christlicher Konfessionen, Rabbiner, Imame sowie Würdenträger fernöstlicher Bekenntnisse in einer gemeinsamen Prozession aus der Altstadt zur gemeinsamen Proklamation des Appells, der später, prächtig gebunden, Kindern überreicht wurde. Diese gaben ihn an Vertreter aus Gesellschaft und Politik weiter. Den tieferen Sinn des feierlichen Rahmens fasste nochmals der Bischof von Osnabrück, Franz-Josef Bode, zusammen: „Hier werden Netzwerke der Freundschaft geknüpft gegen die unheimliche Vernetzung des Bösen, das uns jeden Tag erschrecken lässt.“

Der Gründer der Gemeinschaft Sant'Egidio, Andrea Riccardi, warnte in seiner Ansprache vor der Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid. Gläubige Menschen müssten daher wissen, dass das Gebet „die Grenze des Unmöglichen“ bezwingt. Ein Beispiel dafür hatten die Christen bei der ökumenischen Feier im Dom erlebt, als der philippinische Kardinal Orlando Beltran Quevedo von Cotabato an den im Jemen von Islamisten entführten indischen Ordensmann Tom Uzhunnalil erinnerte, der am Dienstag unerwartet freigekommen war. Viele Menschen hätten nicht mehr glauben können, dass er noch lebt. Trotzdem rissen die Aufrufe zum Gebet für ihn nicht ab. Der Kardinal legte am Montagnachmittag bei einer Podiumsrunde zum christlich-islamischen Dialog für den Frieden und das Zusammenleben ein besonders eindrückliches Zeugnis ab. Bevor er in den bischöflichen Dienst berufen wurde, unterrichtete er auf der südlichen Insel Mindanao Philosophie an einem katholischen Kolleg. Die Philippinen sind aufgrund der spanischen Kolonialvergangenheit zu weit mehr als achtzig Prozent christlich. Auf der Insel jedoch lebt eine Mehrheit von Muslimen, so waren 67 Prozent der Studenten auch muslimisch. Quevedo lehrte dort den Schwerpunkt Naturrecht. Außerhalb des Unterrichts stellte er sich regelmäßig als Gesprächspartner zur Verfügung: „So lernte ich zwölf Jahre lang den Standpunkt der Muslime kennen und nahm Anteil an ihren religiösen Erfahrungen“, erinnerte er sich. Im Jahr 1996 kam es zwischen der Regierung in Manila und den muslimischen Rebellen, die die Insel in die Unabhängigkeit führen wollten, zu einem Friedensabkommen. Darauf spaltete sich eine gewaltbereite Gruppe von der Rebellenorganisation ab, die auch Quevedo mit Mord drohten. Er wusste, dass ehemalige Studenten von ihm dahintersteckten, die vereinzelt führende Positionen unter den Terroristen einnahmen. Trotzdem hat er nie den Glauben an ein friedliches Zusammenleben aufgegeben. Er riet dazu, Unterschiede verstehen zu lernen und empfahl Transparenz, Integrität und Ernsthaftigkeit im Dialog.

Von dieser Hoffnung mag die Einladung an Qays Al Mubarak geprägt gewesen sein, Islamgelehrter von der König-Faisal-Universität in Saudi-Arabien. Er sprach über die koranischen Grundlagen für Religions- und Ausdrucksfreiheit: „Die Freiheit ist das Recht jedes Menschen, unabhängig von Rasse oder Religion“, erklärte er. Gott erlaube dem Menschen, zwischen Gutem und Bösem zu wählen, sonst hätte er ihn nicht mit einem freien Willen ausgestattet. Da der Koran Zwang in der Religion verbiete, lasse sich daraus das Verbot von Gewalt ebenso wie das Menschenrecht auf Religionsfreiheit ableiten. Auf die vielfach grausame Realität in seiner Heimat, wie sie sich etwa am Fall des zu Peitschenhieben verurteilten Bloggers Raif Badawi zeigt, im Widerspruch zur Theorie der Gelehrten, ging er nicht ein.

Die europäischen Widersprüche hingegen legte die Podiumsrunde zur Migration und der dadurch notwendigen Integration am Dienstagvormittag offen. Weder Laisser-faire noch Gleichgültigkeit helfen angesichts der Flüchtlingsströme und Migrationsbewegungen. Die Italienerin Daniela Pompei zeigte Erfahrungen mit realistischen Lösungsansätzen auf. Sie ist bei der Gemeinschaft Sant'Egidio für das Projekt der Humanitären Korridore verantwortlich. Diese Initiative rief die Gemeinschaft zusammen mit der Union der Evangelischen Kirche in Italien und der Waldenser-Tafel ins Leben und wird durch eine Vereinbarung mit der italienischen Regierung ermöglicht.

So können 1 000 syrische und irakische Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Libanon sicher nach Italien einreisen. Es gibt auch noch einen humanitären Korridor aus Äthiopien für 500 Eritreer und Somalier sowie in Frankreich für weitere 500 Syrer und Iraker. Freiwillige nehmen Einzelne von ihnen oder ganze Familien auf und helfen ihnen, sich ein neues Leben in Europa aufzubauen. „Zum Erstaunen der Gastgeber verlief die Integration bislang einfacher als sie erwartet hatten“, berichtete Pompei von ihrer Projektreise zu den Gastgebern in Norditalien. Die Kinder besuchten alle die Schule und sprächen Italienisch. Das Engagement biete aber nicht nur den Gästen Vorteile: „Auch die Italiener rücken wieder näher zu einer Gemeinschaft zusammen.“

Für Montag und Dienstag hatten die Gemeinschaft Sant'Egidio und die gastgebenden Diözesen Osnabrück und Münster zu 24 solcher Gesprächsrunden eingeladen. Die Gäste aus aller Welt beschäftigen sich etwa mit Krisen und Ungerechtigkeiten sowie Möglichkeiten des Einsatzes gläubiger Menschen dagegen.

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