Gaza: UN-Sicherheitsrat fordert sofortige Waffenruhe

Obama ruft Netanjahu zu humanitärer Feuerpause auf – Erstes christliches Todesopfer – Papst in direktem Kontakt mit Pfarrer in Gaza
Foto: Reuters | Palästinenser bestatten die bei einem Bombeneinschlag umgekommene Christin.
Foto: Reuters | Palästinenser bestatten die bei einem Bombeneinschlag umgekommene Christin.

New York/Gaza-Stadt/Jerusalem(DT/dpa/om) Die internationale Gemeinschaft will in Nahost die Waffen so schnell wie möglich zum Schweigen bringen. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen forderte eine „sofortige und bedingungslose humanitäre Waffenruhe“ zwischen Israel und der im Gazastreifen herrschenden Hamas. Die Konfliktparteien sollten die Kampfhandlungen einstellen, um humanitäre Hilfe möglich zu machen, hieß es in einer am frühen Montagmorgen in New York verlesenen Erklärung des Rates. Das mächtigste UN-Gremium war um Mitternacht (Ortszeit) zu einer eilig einberufenen Dringlichkeitssitzung zusammengetreten, die allerdings nur wenige Minuten dauerte. Der Sicherheitsrat rief alle Seiten auf, an einer dauerhaften Waffenruhe zu arbeiten. Und er forderte, zivile Einrichtungen, auch die der Vereinten Nationen, zu respektieren und zu schützen. „Der Sicherheitsrat fordert die vollständige Beachtung des internationalen Rechts, einschließlich des Schutzes der Zivilbevölkerung, und wiederholt seine Forderung nach Schritten zum Wohlergehen der Zivilisten“, heißt es in dem Papier. Der Rat sei „tief besorgt“ wegen der Verschärfung der Lage und des Todes von Zivilisten. Er unterstützte zugleich die Friedensbemühungen Ägyptens, von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und den USA. US-Außenminister John Kerry hatte Ende vergangener Woche versucht, einen Waffenstillstand auszuhandeln. Sein Vorschlag war indes am Freitag von Israel als die Sicherheitsinteressen des Landes nicht berücksichtigend abgelehnt worden.

Nach einer nächtlichen Flaute kam es am Montagmorgen wieder zu einem punktuellen Schlagabtausch zwischen beiden Seiten. Die israelische Armee beantwortete einen Raketenangriff aus dem Gazastreifen mit Artilleriefeuer. Der Abschussort in Beit Lahia im nördlichen Teil des Palästinensergebiets sei beschossen worden, bestätigte eine israelische Armeesprecherin in Tel Aviv. In der Nähe der Küstenstadt Aschkelon war zuvor eine einzelne aus dem Gazastreifen abgefeuerte Rakete eingeschlagen. Es sei der erste Raketenangriff seit kurz vor Mitternacht gewesen, sagte die Sprecherin. Israel habe seine Angriffe im Gazastreifen etwa um 20.30 Uhr MESZ eingestellt. Armeesprecher Moti Almos sagte, die Truppen würden weiter Tunnel zerstören. „Wenn es Angriffe gibt, reagieren sie.“ Nach einer ersten Weigerung hatte die Hamas am Sonntag eine 24-stündige Waffenruhe erklärt, die Israel jedoch nicht offiziell akzeptierte. Auch US-Präsident Barack Obama forderte bei einem Gespräch mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu eine sofortige und bedingungslose humanitäre Feuerpause. Er habe dies bei einem Telefonat am Sonntag als „strategisches Gebot“ bezeichnet, teilte das Weiße Haus mit. Ziel sei eine dauerhafte Waffenruhe. Obama verurteilte den Angaben zufolge ein weiteres Mal die Hamas-Angriffe scharf und bekräftigte das Recht Israels auf Selbstverteidigung. Zugleich äußerte er erneut wachsende Sorge über die Zahl der getöteten palästinensischen Zivilisten, über die israelischen Opfer und die humanitäre Lage in Gaza. Letztendlich müsse jede dauerhafte Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts eine Entwaffnung von Terrorgruppen und die Entmilitarisierung von Gaza sicherstellen, unterstrich Obama.

Derweil forderte der Gazakonflikt sein erstes christliches Todesopfer. Presseberichten zufolge kam Sonntagmittag in Gaza eine ältere orthodoxe Christin durch israelisches Bombardement ums Leben. Dies bestätigte ein Mitarbeiter der katholischen Hilfsorganisation „Pontifical Mission for Palestine“ am Montag gegenüber dieser Zeitung in einem Telefonat. Ein Sohn der getöteten Frau sei dabei schwer verletzt worden und werde in Bälde zur Behandlung nach Israel oder Jordanien gebracht, so der Mitarbeiter weiter. Gerüchte, am Sonntag sei ein weiterer Christ in Gaza durch israelischen Beschuss ums Leben gekommen, bestätigte er indes nicht. Zahlreiche Häuser von Christen seien bislang leicht oder mittelschwer beschädigt worden. Vergangene Woche sei zudem der orthodoxe Friedhof in Gaza-Stadt schwer beschädigt worden.

In der Schule „Heilige Familie“ des Lateinischen Patriarchats in Gaza-Stadt haben derweil etwa 900 muslimische Binnenflüchtlinge Unterkunft gefunden. Die humanitären Umstände seien schwierig, aber bislang gelinge es noch, die Flüchtlinge mit dem Notwendigsten zu versorgen, so der Mitarbeiter der „Pontifical Mission“. „Wir wissen aber nicht, wie es weitergehen soll, wenn dieser Krieg noch länger dauert. Die Wasserversorgung ist schwierig. Die Preise für Wasser, das wir von Lastwagen kaufen, schießen in die Höhe.“ Die orthodoxe Kirche Gazas habe auf dem Grundstück des Erzbischofssitzes etwa 1 100 muslimischen Flüchtlingen aus dem umkämpften Norden und Osten Gazas Zuflucht gewährt, berichtet der Katholik weiter. Insgesamt seien die Christen Gazas wie alle Menschen ständig in Angst. „Wir sind hier sehr deprimiert. Wir haben den Eindruck, dass die Welt zusieht wie bei einem Film. Das Schlimme ist, dass wir uns nirgends in Sicherheit bringen können. Wir sind den israelischen Luftschlägen hilflos ausgeliefert.“

Aus Kreisen des Lateinischen Patriarchats in Jerusalem erfuhr diese Zeitung am Montag, dass Papst Franziskus in direktem E-Mail-Kontakt mit dem katholischen Pfarrer von Gaza, dem Argentinier Jorge Hernandez, stehe. Erst am Sonntag habe sich der Heilige Vater an den Ordensmann vom argentinischen „Institut des Inkarnierten Wortes IVE“ gewandt. Dies habe den Geistlichen und die katholischen Gläubigen Gazas sehr ermutigt. Aufgrund israelischen Beschusses habe die Sonntagsmesse nicht am Vormittag gefeiert werden können, sondern sei auf den Abend verlegt worden, so der Mitarbeiter des Patriarchats.

Seit Beginn der israelischen Offensive vor drei Wochen sind mehr als 1 000 Palästinenser getötet und über 6 000 weitere verletzt worden. Auf der israelischen Seite kamen 43 Soldaten und drei Zivilisten um.

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