GASTKOMMENTAR: Wulff muss sich erklären

Mit seiner Feststellung „aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“ hat Bundespräsident Wulff nicht nur Wellen geschlagen, sondern auch bei vielen Menschen in Deutschland Unsicherheit ausgelöst, was damit gemeint sei.

Dass über vier Millionen Muslime in Deutschland leben, ist eine schlichte Banalität und bedarf wohl keiner feierlichen Worte. Auch die kulturhistorische Frage, ob der Islam ähnlich wie Christentum und Judentum zu den Wurzeln Deutschlands zählt, ist längst beantwortet: Selbstverständlich nicht. Europa und Deutschland sind auf dem Fundament christlich-jüdischen Glaubens gewachsen, nicht auf islamischen Grundlagen.

Könnte also der Bundespräsident gemeint haben, der Islam solle künftig in Deutschland eine stärkere und tragende Rolle spielen? Vergleichbar mit dem Christen- und Judentum? Dann allerdings bedarf es des Widerspruchs: Der Islam in seinen vielfältigen Schattierungen ist für viele Muslime nicht nur Religion, sondern auch Gesellschaftsordnung und für manche Länder auch Staatsgrundlage. In Deutschland dagegen gab es einen, zum Teil schmerzlichen Prozess über Jahrhunderte hinweg, Staat und Kirche zu trennen. Martin Luthers Worte haben unverändert Gültigkeit: „Man kann die Welt nicht mit dem Evangelium regieren“. Die Stellung der Frau ist in vielen Richtungen des Islams eine andere als im christlich geprägten Europa. Auch der Umgang mit der Religionsfreiheit ist in vielen islamisch geprägten Ländern ein anderer, Religionsfreiheit wird nicht oder nur äußerst eingeschränkt gewährt. Inwieweit der Islam zu Deutschland gehört, entscheidet sich deshalb an der Klarheit, mit der muslimische Repräsentanten für Christen in islamisch geprägten Ländern eintreten, denen dort die volle Religionsfreiheit nicht gewährt wird.

Der Bundespräsident sollte deshalb klarstellen, was er gemeint hat. Das anspruchsvolle Ziel, „Präsident aller Menschen“ in Deutschland zu sein, rückt in die Ferne, wenn immer weniger Deutsche „ihren“ Präsidenten verstehen.

Der Autor ist Stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Er gehört der CSU an.

Themen & Autoren

Kirche