Brüssel

Gastkommentar: Schrei nach Hilfe

Begreifen Kinder die existenzielle Dimension, die eine Einwilligung zum "selbstbestimmten Sterben" darstellt? In Belgien, wo aktive Sterbehilfe bei Kindern erlaubt ist, muss man von einem Dammbruch sprechen.
Debatte um Sterbehilfe
Foto: Sebastian Kahnert (ZB)/dpa | Die Palliativmedizin verfügt heute über viele Möglichkeiten der Leidlinderung.

Im Schatten der deutschen Debatte um selbstbestimmtes Sterben nach der aktuellen Entscheidung des Bundesverfasungsgerichts fällt bedauerlicherweise wenig Licht auf die drastische Rechtslage in unserem Nachbarland Belgien und wohl bald auch in den Niederlanden. Im Jahr 2014 hatte Belgien die Möglichkeit zu aktiver Sterbehilfe auf Kinder ausgeweitet, ohne Altersgrenze. Mindestens drei Mal wurde sie seither angewendet. Ein Kind wurde neun Jahre alt. Ein zweites starb mit elf. Und das dritte wurde 17. Sie alle waren unheilbar krank. Von allen wurde nach einem klinischen Beratungsprozess ihre „kindliche“ Einwilligung ins „selbstbestimmte“ Sterben eingeholt. Die Debatte war heftig: Können Kinder die existenzielle Dimension dieser Entscheidung begreifen?

Gefahr, dass Euthanasie zur allgemeingültigen Lösung wird

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Lassen Alter, Angst und Schmerzen eine solche Einwilligung zu? Die Bischöfe Belgiens sahen einen Dammbruch: Nicht nur bei Minderjährigen, auch bei demenzkranken, behinderten oder nicht einwilligungsfähigen Personen könnte „Euthanasie aus Mitleid ganz einfach die allgemeingültige Lösung werden“, sobald die Lebenssituation einmal als „unannehmbar“ gelte. Zwei Forderungen gehören in den Fokus der gesellschaftlichen und politischen Debatte: Erstens die unteilbare und unantastbare Geltung der Würde und des Lebensrechtes jedes Menschen jeden Alters und in jeder Lage.

Und zweitens Hilfe. Wer Menschen in ihrem Sterbewunsch begegnet und mit ihnen spricht, hört sehr oft, dass es ihnen im Grunde nicht darum geht, nicht mehr zu leben, sondern darum, nicht mehr so zu leben, wie es eine schwere Krankheit mit sich bringt. Hier müssen wir mit unseren Hilfsangeboten ansetzen. Die Palliativmedizin verfügt heute über so viele Optionen der Leidlinderung, dass man jedem Patienten – auch Kindern – ein wirksames Angebot machen kann. Das Hospiz steht für eine Heimat und für eine liebevolle integrierende und lebensbejahende Begleitung, eben für ein Leben mit menschenwürdigem Antlitz. Das betrifft die vulnerabelsten Phasen der menschlichen Existenz am Lebensende. Und vor allem Kinder!

Der Autor ist Weihbischof in Augsburg und Bischofsvikar für Bioethik

 

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