Luxemburg

Gastkommentar: Nur fünf Jahre

Am 9. Mai 1950, versetzte Frankreichs Außenminister Robert Schuman die Welt mit einem geradezu ungeheuerlichen Vorschlag in Erstaunen: Eine Gemeinschaft mit Westdeutschland zu bilden, in der Kohle und Stahl gemeinsam verwaltet werden.

Robert Schuman
Die Unterzeichner des Deutschlandvertrages (l-r) Sir Anthony Eden (Großbritannien), Robert Schuman (Frankreich) und Dean Acheson (USA) sowie Bundeskanzler und Außenminister Dr. Konrad Adenauer. Foto: Heinz_Bogler (dpa)

Am 9. Mai vor 75 Jahren ging in Europa der verheerende Zweite Weltkrieg zu Ende und mit ihm das verbrecherische NS-Regime. Nur fünf Jahre später, am 9. Mai 1950, versetzte Frankreichs Außenminister Robert Schuman die Welt mit einem geradezu ungeheuerlichen Vorschlag in Erstaunen: Sein Land wolle mit Westdeutschland, Rechtsnachfolger des jahrhundertealten Erbfeindes, und anderen Staaten eine Gemeinschaft bilden, in der man die kriegswichtigen Rohstoffe Kohle und Stahl nicht wie früher gegeneinander richten, sondern gleichberechtigt in einer übernationalen Behörde verwalten werde.

Er machte aus seinem Christentum keine Ideologie

Als in Luxemburg geborener Lothringer, dessen Vorfahren abwechselnd für die deutsche und für die französische Seite in den Krieg hatten ziehen müssen, ging es ihm bei seinem Vorschlag nicht zuerst um Wirtschaft, sondern um Frieden. Schon als Gefangener des NS-Regimes hatte er einem Nachbarn anvertraut: „Es gibt nur eine Rettung – das sind die Vereinigten Staaten von Europa.“ Schumans Europa-Idee war weder bürokratisch-zentralistisch noch die einer losen Zusammenarbeit zwischen jakobinischen Nationalstaaten im Sinne eines „Europa der Vaterländer“. Er strebte eine echte Föderation an, wie die beiden anderen Gründerväter der heutigen EU, Konrad Adenauer und Alcide de Gasperi, die er aus der europaweiten katholischen Jugendarbeit vor den beiden Weltkriegen kannte.

Bescheiden und nüchtern, machte er aus seinem Christentum keine Ideologie, aber einen Lebensinhalt. Als Präsident des ersten, noch nicht direkt gewählten Europaparlamentes 1958 betonte er, dass eine europäische Demokratie ohne christliche Fundamente nicht gelingen könne. Heute ist sein Seligsprechungsverfahren positiv abgeschlossen, und es heißt, man warte nur noch auf ein Wunder. Was aber soll ein Wunder sein, wenn nicht die deutsch-französische Versöhnung und der Beginn der europäischen Einigung vor 70 Jahren?

Bernd Posselt ist Präsident der Paneuropa-Union Deutschland und war 20 Jahre CSU-Abgeordneter im Europäischen Parlament

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