Gastkommentar: Irak: Ethnische Säuberungen

Von Kamal Sido

„Während in christlichen Ländern Muslime aufgenommen werden, werden Christen aus muslimischen Ländern vertrieben.“ Mit dieser kurzen provokativen Notiz auf Facebook wollte ich auf die Massenvertreibung der christlichen Assyrer, Chaldäer, Aramäer aus der arabisch-sunnitisch dominierten Stadt Mossul im Nordirak aufmerksam machen und vor allem Muslime dazu auffordern, nicht zu schweigen und gegen diese ethnische Säuberung zu protestieren.

Auch wenn Elend und Not im benachbarten Syrien, Palästina und Israel noch größer sind, darf die Erbarmungslosigkeit der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (ISIS) im Irak nicht hingenommen werden. Die Verfolgung der Christen, Yeziden, Shabak und Schiiten in Mossul hat einen neuen Höhepunkt erreicht. In dieser größten Stadt unter der Kontrolle der „ISIS“ wurde Ende vergangener Woche per Flugblatt ein Ultimatum an die letzten Christen gestellt: „Flieht – ohne Gepäck, nur mit der Kleidung am Leib – oder wählt aus drei Optionen: Konvertierung, Sondersteuer oder Exekution durch das Schwert.“ Der christlichen Minderheit, die schon vor über 1 800 Jahren das Gebiet um Mossul bevölkerte, blieb keine Wahl. Am Samstag lief das Ultimatum ab. Da hatten die Christen die Stadt bereits verlassen. Nahezu alle hätten sich für die Flucht entschieden, berichten auch Journalisten vor Ort. „Erstmals in der Geschichte des Irak gibt es in Mossul nun keine Christen mehr“, sagt Louis Sako, Patriarch der chaldäisch-katholischen Kirche im Irak.

Die Region um Mossul gilt seit Jahrhunderten als das Zentrum des Christentums im Irak. Jetzt können Christen im arabisch dominierten Teil des Landes kaum mehr ein sicheres Leben führen. Nur in Bagdad gibt es noch eine kleine christliche Gemeinde. Unsere Menschenrechtsorganisation befürchtet, dass neue Terroranschläge dem Christentum dort auch ein Ende setzen könnten. Wir fordern die internationale Gemeinschaft dazu auf, Wege zu finden, das Christentum dort zu retten. Auch deutsche und europäische Kirchen müssen helfen. Das friedliche Irakisch-Kurdistan muss finanziell und politisch unterstützt werden. Wurden dort seit 2011 doch mindestens eine Million Flüchtlinge, Christen, Yeziden, Shabak, Shiiten und Sunniten aufgenommen. Der Druck auf die Regierungen in der Türkei, Saudi-Arabien und Katar muss erhöht werden. Sie dürfen die Islamisten nicht länger unterstützen.

Der Autor ist Nahostreferent der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in Göttingen

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