Gastkommentar: Großfamilien sind keine Exoten

Von Elisabeth Müller
Foto: dpa | Großfamilien spielen für Politik und Wirtschaft kaum eine Rolle.
Foto: dpa | Großfamilien spielen für Politik und Wirtschaft kaum eine Rolle.

In unserem Land leben 1,4 Millionen Familien mit drei und mehr Kindern. Zwar machen Kinderreiche nicht den „Löwenanteil“ der Familien aus, aber für rund acht Millionen Menschen ist Großfamilie Normalität. Warum aber werden die Bedürfnisse von acht Millionen Menschen in Politik und Wirtschaft kaum beachtet? Warum werden Großfamilien in der Familienpolitik wie ein Randphänomen behandelt? 83 Prozent der Großfamilien leben von Erwerbsarbeit. Nicht selten müssen sie „aufstocken“. Bei einer familiengerechten und familienfreundlichen Besteuerung und Förderung wäre die Aufgabe bei gleichem Lohn zu meistern. Nachweislich liegt das Armutsrisiko bei Kinderreichen bei 24,3 Prozent und damit deutlich höher als das von Kleinfamilien mit etwa zehn Prozent. Was früher einmal als „Kindersegen“ galt, ist zum „Armutsrisiko“ geworden. Wer heute im Alter abgesichert sein will, der bekommt keine Kinder mehr, sondern sammelt Rentenpunkte durch Erwerbsarbeit. Damit die Situation Kinderreicher, ihre Bedürfnisse und ihr Potenzial endlich wahrgenommen werden, mussten kinderreiche Familien selbst aktiv werden.

Täglich spülen Großfamilien Steuergeld in die Staatskassen, jedoch können sie diese Leistung kaum steuerlich geltend machen. Sie liefern die Grundlage für den Generationenvertrag, aber erziehende Eltern profitieren davon bei der eigenen Rente nicht. Die Wirtschaft lebt zwar von Konsumenten, ist aber häufig blind für den Markt Großfamilie. Für Medien sind Großfamilien Exoten. Sie sind jedoch kein selbstverständliches „Setting“.

Derzeit richtet die Politik den Fokus auf die Nöte von Alleinerziehenden, deren Armutsgefährdung unter den Familienformen am höchsten ist. Wer allein erzieht, ist nicht nur finanziell häufig am Ende der Kräfte, sondern zweifelsohne auch seelisch enorm beansprucht. Der Staat handelt menschlich und zukunftsweisend, wenn er den Kindern alle Chancen erhält und die erziehenden Elternteile in ihrer Verantwortung stützt und entlastet. Zugleich sollte der Staat diejenigen Familien nicht über das Maß belasten, die mehrere Kinder aufziehen und die Existenz aus eigenen Kräften sichern könnten und auch wollen.

Es wäre absurd, bei Alleinerziehenden eine privat eingetretene prekäre Situation staatlich abzufedern, Armut vorzubeugen und andererseits mit ungerechter Besteuerung und ungenügender Alterssicherung sehenden Auges die Kinderreichen in die Armut geradezu hineinzutreiben. Alleine erziehen muss verkraftbar werden, Großfamilie muss realisierbar bleiben.

Die Autorin ist Vorsitzende des Verbandes Kinderreicher Familien e.V.

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