Gastkommentar: Friedenswille trotz der Wunden

Von Bernd Posselt

Der muslimische Minister Ibrahim Makolli aus dem Kosovo saß zwischen dem katholischen Weihbischof von Sarajewo, Pero Sudar, und dem serbisch-orthodoxen Theologen Professor Davor Dzalto. Eine serbische Tanzgruppe musizierte, und junge Kosovo-Albaner sangen mit. Nur zwölf Jahre nach Beendigung des brutalen Krieges, den der serbische Diktator Slobodan Milosevic 1991 zuerst gegen Slowenien und Kroatien entfesselt hatte und den die NATO-Intervention im Kosovo 1999 beendete, zeigen solche Momentaufnahmen vom Christlichen Europatag der Paneuropa-Union am Wochenende in Andechs, wie stark der Friedenswille in Südosteuropa ist, obwohl noch viele Wunden bluten und Nationalisten weiterhin massiv ihr politisches Geschäft betreiben. Es gibt aber auch beeindruckende Friedensinitiativen zwischen Mazedoniern und Albanern, Serben und Kosovaren, Bosniaken und Kroaten, die vor allem in der Paneuropa-Union als der 1922 gegründeten ältesten europäischen Einigungsbewegung systematisch gepflegt werden und überhaupt nicht dem üblen Klischee vom Balkan als dem Pulverfass Europas entsprechen.

Dennoch bleiben viele schwierige Aufgaben, denen vor allem die EU in den nächsten Jahren gerecht werden muss. Mit dem Beitritt des mitteleuropäischen Kroatien zum 1. Juli nächsten Jahres stellt sich drängend die Frage nach dem Fortgang des Erweiterungsprozesses. Angesichts der Griechenland-Krise werden die Stimmen lauter, die in neo-isolationistischer Weise nunmehr die Schotten dichtmachen wollen. Doch der Raum zwischen Kroatien und Griechenland darf kein schwarzes Loch mitten in Europa bleiben, weil dies sonst die ganze EU zu destabilisieren und zu balkanisieren droht. Bayern, Deutschland und Österreich sind von Fluchtwellen und Krieg in dieser Region mehrfach besonders getroffen worden, profitieren aber in guten Zeiten wirtschaftlich und kulturell erheblich von den Impulsen aus der bunten Völkerwelt des Balkan.

Sicher, die Verleihung des EU-Kandidatenstatus an Serbien war voreilig, und die Kopenhagener Kriterien müssen jetzt streng angewandt werden, etwa bei den Minderheitenproblemen in der Vojvodina, im Sandzak von Novi Pazar und im südserbischen Presevo-Tal, aber auch angesichts der demokratiefeindlichen Tendenzen im ganzen Land. Doch das serbische Volk soll unsere Sympathie und unseren Rückhalt spüren– wie auch der Kosovo, dessen Unabhängigkeit unumkehrbar sein muss und der nicht länger durch Teilungspläne bedroht werden darf, wie Mazedonien, dessen Blockade durch Griechenland endlich aufzuheben ist, und all die anderen Staaten der Region, die um ihren europäischen Weg ringen. Ohne die Heimat Alexanders des Großen, Cyrils und Methods, Skanderbegs oder der Mutter Teresa, die allen Europäern gehören, ist unsere Gemeinschaft nicht vollständig.

Bernd Posselt (CSU) MdEP ist Präsident der Paneuropa-Union Deutschland.

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