Ankara

Gastkommentar: Erdogan braucht Nationalisten

Erdogan möchte eine andere Türkei. Eine konservative, eine stärker nationalistische und vor allem ein streng islamische. Diese Doktrin duldet keine Glaubensfreiheit.

Coronavirus - Türkei
Um das Entgegenkommen seiner westlichen Verbündeten nicht zu gefährden, wird Präsident Erdogan religiösen Minderheiten im Land sicher weiter Versprechungen machen, Zugeständnisse ankündigen und Wohlwollen signalisieren. Foto: - (XinHua)

Schon vor Jahren hat die Türkei unter Erdogan den Weg Richtung Westen verlassen. Lange hoffte man, dass sich das Land weiter öffnen würde. Dass es mehr Glaubensfreiheit insbesondere für Christen geben könnte. Aber diese Jahre sind vorbei, diese Hoffnung mussten die christlichen Gläubigen aufgegeben.
Schon vor dem gescheiterten Putschversuch im Juli 2016 war klar: Erdogan möchte eine andere Türkei. Eine konservative, eine stärker nationalistische und vor allem ein streng islamische. Diese Doktrin duldet keine Glaubensfreiheit. Auch nicht für Christen, denen der Islam sonst vergleichsweise offen gegenübersteht.

Nicht allein ideologisch getrieben

Natürlich ist Erdogan nicht allein ideologisch getrieben: er ist auch Politiker. Das Taktieren gehört zum Geschäft. Er muss seine Klientel bei der Stange halten, national und in der Region. Ankara befindet sich in einem Dauermachtkampf mit Saudi-Arabien um die Vorherrschaft in der „islamischen Welt“. Da darf der Präsident nicht zu entgegenkommend gegenüber Christen wirken. Denn den Islam braucht er dringend, um Unterstützung zu mobilisieren. Er muss sich glaubwürdig zeigen gegenüber islamistischen Bewegungen. Die Saudis distanzieren sich zunehmend von ihnen. Erdogan füllt dieses Vakuum und vertieft seine Beziehungen radikal-sunnitischen Gruppen. Davon profitiert er dann in Syrien und zuletzt auch in Libyen. Im eigenen Land braucht er die muslimisch-konservativen Wählerschichten jetzt dringender denn je.

Wirtschaftliche Lage desolat

Die wirtschaftliche Lage ist desolat, die globale Pandemie trifft den Außenhandel und vor allem den Tourismus. Für teure Kriege im Ausland kann da leicht die Akzeptanz schwinden. Um das Entgegenkommen seiner westlichen Verbündeten nicht zu gefährden, wird er religiösen Minderheiten im Land sicher weiter Versprechungen machen, Zugeständnisse ankündigen und Wohlwollen signalisieren. Es wäre naiv, sich darauf zu verlassen.

Der Autor ist Referent für ethnische, sprachliche und religiöse Minderheiten und Nationalitäten bei der Gesellschaft für bedrohte Völker

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