Berlin

Gastkommentar: Eine bizarre Inszenierung

Der bizarre Auftritt von US-Präsident Donald Trump vor der Washingtoner Kirche St. John könnte der Beginn einer neuen Phase in seiner Amtszeit sein, meint Friedrich Merz in einem Gastbeitrag.
Gastbeitrag von Friedrich Merz
Foto: Bernd Wüstneck (ZB) | Friedrich Merz, Kandidat für den CDU-Parteivorsitz, kritisiert das jüngste Auftreten des US-Präsidenten im Zuge der Antirassismus-Proteste

Das war dann doch zu viel des Guten. Mit der Bibel in der Hand ließ sich der amerikanische Präsident von der Militärpolizei den Weg zur St. John's Church in Washington mit Tränengas freiräumen, um ausgerechnet mit der Kirche im Rücken zu erklären, wie er Proteste gegen den Rassismus im eigenen Land zu beenden gedenkt. Diese nicht nur für Europäer befremdliche Inszenierung stieß auch in den USA auf ein geteiltes Echo. Die örtliche Bischöfin hat den Missbrauch der Kirche als Kulisse für die politische Inszenierung scharf verurteilt. Aber bei vielen Christen in den USA bedient Trump ein Klischee, das ihm zur Wiederwahl verhelfen soll: Die USA sei umgeben von dunklen Mächten, die die Werte Amerikas mit Füßen treten, und nur ein politischer Heilsbringer könne das Land der Pioniere und Patrioten vor dem drohenden Untergang bewahren.

Es rührt sich Widerstand, auch aus den eigenen Reihen

Lesen Sie auch:

In Teilen der amerikanischen Gesellschaft, die viel religiöser ist, als wir dies aus europäischer Perspektive wahrnehmen, fällt diese Botschaft auf fruchtbaren Boden. Aber es rührt sich auch Widerstand, zum Teil sogar aus den eigenen Reihen des Präsidenten. Trumps früherer Verteidigungsminister James Mattis stellt sich klar gegen ihn, auch andere ehemalige hohe Militärs weisen einen Einsatz der Armee gegen die Demonstranten zurück. Der amtierende Verteidigungsminister Mark Esper widerspricht dem Präsidenten auf offener Bühne.

Deshalb ist der bizarre Auftritt von St. John vielleicht der Beginn einer neuen Phase in der Amtszeit von Donald Trump: Anders als etwa in China oder in Russland folgen weder Regierungsmitglieder noch Polizeibeamte bedingungslos jedem Einsatzbefehl ihres Präsidenten. Und so geht von St. John auch ein Zeichen der Hoffnung aus: Die freie und offene Gesellschaft zeigt in den USA gerade jetzt ihre Stärke. Auch deshalb bleibt Amerika ein wichtiger Verbündeter für uns in der ungewissen Welt des 21. Jahrhunderts.

Der Autor kandidiert für den Parteivorsitz der CDU. Von 2009 bis 2019 war er Vorsitzender der Atlantik-Brücke, deren Vorstand er auch jetzt noch angehört

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Friedrich Merz Armee Bibel CDU CDU-Vorsitzende Demonstranten Donald Trump James Mattis Militärpolizei Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte Regierungsmitglieder Tränengas Verteidigungsminister

Kirche