Gastkommentar: Die Debatte braucht Zeit

Von Martin Lohmann

Niemand wurde gefragt, ob er ins Leben gerufen werden wolle oder nicht. Der Anfang eines jeden Lebens ist keineswegs „selbstbestimmt“. Und das irdische Ende? Nachdem wir jahrzehntelang Sterben und Tod tabuisiert haben, nachdem wir aus lauter Hilflosigkeit allzu lange das Selbstverständlichste, nämlich den Tod, in unserer lebenssatten Welt verdrängt und Sterbende unwürdig abgeschoben haben, ist die Verwirrung nach wie vor groß. Dabei gehört nichts anderes so selbstverständlich zum Leben wie Sterben und Tod. Aber wie der Anfang des Lebens in die Unverfügbarkeit eines Geschenkes gebettet ist, so ist sein irdisches Ende doch wohl auch der Machbarkeit und Manipulation entzogen, oder?

Auch die Versuche, das Leben um jeden Preis zu verlängern, schaffen Verwirrung und verhindern Klarheit des Denkens. Ja, es gibt eine berechtigte Sehnsucht auf einen würdigen Tod. Ja, es gibt ein Recht auf Würde beim Sterben und im Sterben. Denn diese Würde ist von Anfang an bis zum natürlichen Tod unantastbar. Nicht durch die Hand eines Menschen, sondern an der Hand eines Menschen darf man sterben. Worüber wir jetzt diskutieren, das ist auch die Suche nach einer der Würde entsprechenden Sterbe- und Todeskultur. Und dafür brauchen wir Zeit. Und Sensibilität. Und ganz viel Ehrlichkeit. Nichts davon haben aber jene, die perfide versuchen, jede Argumentation aus dem Glauben heraus abzuwürgen und mit vermeintlich netten Floskeln der Toleranz in eine ja nur ganz private Ecke zu schieben. Es geht hier auch nicht um die sonst so einsichtige „Selbstbestimmung“, sondern um Würde und Lebensrecht. Man muss jenen, die offenbar panische Angst vor jeder wahren Argumentation haben, mit der sie – ohne es sich zuzugeben – letztlich jedoch die Wirkkraft grundsätzlicher Argumente bestätigen, helfen, sich den richtigen und wichtigen Denkstrukturen zu öffnen. Und das braucht Zeit. Viel Zeit. Weil es um den Menschen und sein Leben geht. Und es braucht den Mut zur Ehrlichkeit, um Einsichten zu ermöglichen.

Was wir brauchen ist eine mit Anstand, Toleranz, Einfühlungsvermögen und Vorsicht geführte Debatte, in der man einander zuhört und respektvoll reagiert. Mit Widerspruch und Verständnis. Es darf letztlich keine Beihilfe zum Selbstmord geben! Wir brauchen nicht nur finanzielle Mittel für Krippen, sondern ebenso dringend für die Schmerztherapie und Hospize, also Orte, wo Menschen ihrer Würde gerecht begleitet werden. Weil der Tod zum Leben gehört, sagen wir hier auch viel aus über unseren Umgang und unsere Hochachtung vor dem Leben eines jeden Menschen.

Der Autor ist Vorsitzender des

Bundesverbandes Lebensrecht (BVL)

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