Gastkommentar: Der Vertriebenen gedenken

Von Minister Joachim Herrmann

Die christlich-liberale Mehrheit im Deutschen Bundestag hat am 10. Februar 2011 erreicht, dass der 5. August zum Nationalen Gedenktag für die Opfer von Vertreibung erhoben wird. Sie hat damit ein sichtbares Zeichen gesetzt. Ein Zeichen, dass die Tragödie von Flucht und Vertreibung, die das Leben von mehr als 15 Millionen Menschen und die kulturelle Prägung Mitteleuropas unwiederbringlich verändert hat, nicht vergessen ist. Zugleich ist der Beschluss ein Zeichen fester Verbundenheit mit den Heimatvertriebenen, die gerade in Bayern eine neue Heimat gefunden haben, und eine Mahnung für heutige und künftige Generationen.

Für die Vertriebenen und für Bayern ist dies ein historischer Schritt. Der 5. August 1950, an dem die Charta der Heimatvertriebenen angenommen wurde, steht beispielhaft für den Willen zu einem Neuanfang, zur Versöhnung und zu einer europäischen Friedensordnung. Die Bayerische Staatsregierung hatte deshalb schon am 1. Juli 2003 den Vorschlag für einen nationalen Gedenktag beschlossen und in den Bundesrat eingebracht. Sie hatte dabei das Erinnern und Gedenken an die Opfer ebenso im Sinn wie die Anerkennung der großartigen Aufbauleistung der Vertriebenen in Bayern und in ganz Deutschland. Unser Staat ist es den Millionen Menschen, die nach den Schrecken von Nationalsozialismus und Krieg ihre Heimat verloren haben, schuldig, an ihr Leid, aber auch an ihre Leistung zu erinnern.

Zugleich ist der 5. August ein Tag der Mahnung, dass es in Deutschland und Europa nie wieder zu Vertreibung, Krieg und Völkermord kommen darf. Wir sind uns der historischen Umstände und des unauflösbaren Zusammenhangs zwischen der millionenfachen Vertreibung Deutscher und der deutschen Kriegsschuld bewusst. Auch deshalb begegnen wir extremistischen Bestrebungen aller Art mit großer Entschlossenheit. Wir Deutsche sind dankbar für die Versöhnung mit unseren Nachbarn und mit allen Völkern in Europa und der Welt. Die Begegnungen zwischen Ministerpräsident Horst Seehofer und dem Ministerpräsidenten der Tschechischen Republik, Petr Neèas, am 20. Dezember 2010 in Prag und am 8. Februar 2011 in München waren historische Momente. Bayern und Tschechien beschreiten den Weg in eine gemeinsame europäische Zukunft in guter Nachbarschaft und in Freundschaft. Sie bekennen sich zu gemeinsamen Wurzeln, Traditionen und Werten. Auf diesem Fundament wollen wir aufbauen und das Miteinander, wie es inzwischen von den Menschen in beiden Ländern gelebt wird, weiter stärken. Das ist der Beitrag der heutigen für die künftigen Generationen.

Eine Zukunft ohne Vergangenheit aber kann es nicht geben. Zur Versöhnung gehört auch ein aufrichtiger und respektvoller Umgang mit den Opfern von Flucht und Vertreibung. Dafür steht der Gedenktag des 5. August.

Joachim Herrmann (CSU) ist Innenminister des Freistaats Bayern.

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