Gastkommentar: Amerika ist tief gespalten

Nach den Kongesswahlen ist jeder Winkel des öffentlichen Lebens in Amerika ideologisch gespalten. Und die Katholiken sind genauso gespalten wie die Amerikaner im allgemeinen. Bei diesen Wahlen haben die gemäßigten Politiker verloren und die Befürworter der katholischen Soziallehre wurden von solchen Strömungen im derzeitigen politischen Leben Amerikas besiegt, die sowohl die Republikaner als auch die Demokraten in ihre jeweilige rechte oder linke Ecke drängen.

Lassen Sie mich das anhand von zwei Beispielen erklären: Der Republikaner Joseph Cao im zweiten Bezirk von Louisiana und die Demokratin Kathy Dahlkemper im dritten Bezirk von Pennsylvania illustrieren den allgemeinen Trend. Diese katholischen Amtsinhaber sind beide gegen die Abtreibung. Beide bescheinigen durch ihre Abstimmungen und ihre öffentlichen Kommentare, dass sie einen Sinn für die kirchliche Soziallehre haben. Beide gehören zudem der Sorte moderater Politiker in ihren jeweiligen Parteien an, die geneigt sein könnten, sich über die Parteigrenzen hinaus für eine Politik einzusetzen, die sich eine Mehrheit der amerikanischen Katholiken im Hinblick auf moralische und soziale Fragen wünscht. Auf beide hatten es jedoch die Oppositionsparteien besonders abgesehen. Sie haben verloren, weil moderate Politiker Kanonenfutter im ideologischen Krieg der zeitgenössischen amerikanischen Politik geworden sind. Dutzende von Gemäßigten beider Parteien mussten bei diesen Wahlen Verluste hinnehmen. Damit ist die Bereitschaft zum Kompromiss geschwächt. Das Zustandekommen von Kompromissen hängt gerade von gemäßigten Politikern ab.

Außerdem: Über Nacht ist die Zahl der Pro-Life-Demokraten im Kongress dezimiert worden. Welche Lehre wird diese Partei aus den Verlusten ziehen? Ich fürchte, die falsche. Was wird auf der republikanischen Seite daraus gelernt, wenn mitfühlend denkende Konservative wie Cao untergehen, während libertäre und das „Evangelium des Reichtums“ predigende Mitglieder der „Tea Party“, die versprechen, die Gutmenschen der Regierung niederzuschlagen, im Aufwind sind? Es ist schwer sich vorzustellen, dass die Hoffnungen der Bischöfe auf eine Reform der Zuwanderung angesichts der neuen Gegebenheiten bei den Republikanern jetzt eine Chance haben.

Professor Dr. Stephen F. Schneck ist Direktor des Instituts für „Policy Research & Catholic Studies“ an der Katholischen Universität in Washington. Übersetzung aus dem Englischen von Claudia Reimüller

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