Gaddafis Disney-Land

Diesmal hat der libysche Diktator den Bogen in Italien überspannt Von Guido Horst

Das hätte jetzt nicht sein müssen. Italien hat die jüngste Ausgabe der Gaddafi-Show hinter sich gebracht und selbst der stets lächelnde Silvio Berlusconi stand mit versteinerter Miene neben dem libyschen Diktator, als dieser mit zweistündiger Verspätung seine Berber hoch zu Ross durch die Parkanlage einer römischen Carabinieri-Kaserne jagen ließ. Die Italiener kennen die Auftritte Muammar Gaddafis, die er sich wohl nur hier erlauben kann. Würde solch eine Show, fragten selbst Parteifreunde Berlusconis, in Deutschland oder einem anderen Land Europas stattfinden dürfen? Für Silvio Berlusconi jedenfalls, der nach dem Bruch mit seinem ehemaligen Verbündeten Gianfranco Fini mitten im Ferienmonat August eine Krise in der Regierung heraufbeschworen und die sichere Mehrheit in der Abgeordnetenkammer verloren hat, endete der August so, wie er begonnen hat: bitter.

Begleitet von Leibwächterinnen, den berühmten Amazonen, war der Diktatur am Wochenende seinem Flugzeug entstiegen. Da lächelte noch Außenminister Frattini – ein Lächeln, das ihm dann vergehen sollte. Am Sonntag wieder, wie vor einem Jahr, ein Empfang für etwa zweihundert von Agenturen zusammengetrommelte Hostessen in der libyschen Botschaft in Rom, denen Gaddafi die Vorzüge des Islam erklärte und einen Koran vermachte. Jeder der hübschen Damen soll für diesen Zirkus siebzig Euro erhalten haben. Dass Gaddafi bei seinem jüngsten Rombesuch die Europäische Union aufforderte, ihm jährlich fünfzig Milliarden Euro zu zahlen, damit er illegale Einwanderer vom Sprung nach Europa ab- und in seinen libyschen Wüstenlagern zurückhalte, tat man noch als politisches Getöse ab. Aber dass er vor den Hostessen weissagte, dass der Islam die zukünftige Religion Europas sei, schreckte selbst die Politiker hoch, die an die Gaddafi-Folklore gewöhnt sind.

Darf sich der Diktator im Land der ehemaligen Kolonialherren eigentlich alles erlauben? Ist das Rache für das zum Teil auch sehr grausame Gebaren der Italiener in ihrer libyschen Kolonie? Jedenfalls tut Gaddafi so, als habe er Italien im Griff. Jederzeit kann er die Zügel lockern und die Flüchtlingsboote wieder vor den Küsten Lampedusas auftauchen lassen. Mit einem Freundschaftsvertrag zwischen Italien und Libyen hatte Berlusconi vor zwei Jahren tatsächlich dafür gesorgt, dass der Strom der illegalen Auswanderer von der libyschen Küste aus zum Erliegen kommt – und italienische Unternehmen erhielten großzügige Aufträge zum Ausbau der Infrastruktur des Landes. Doch jetzt, bei der jüngsten Show des Rais in Rom, war dem italienischen Regierungschef endgültig die Freude an diesem außenpolitischen Erfolg vergangen.

Die Zeitung der italienischen Bischöfe, „Avvenire“, verwies auf das Missionsverbot für Katholiken in vielen muslimischen Ländern und fragte, wieso Gaddafi ungehindert seine Koran-Predigt halten könne – und ihn niemand an das Ungleichgewicht dieses Verhältnisses erinnere. Es geht um zwei ernste Dinge: die illegale Einwanderung aus Afrika und den Ländern der sogenannten Dritten Welt nach Europa – und hier vor allem nach Spanien und Italien – sowie um die Integration der Muslime, die den Sprung nach Europa geschafft haben. Die Äußerungen Gaddafis über ein islamisches Europa müssten „schrecklich ernst genommen werden“, erklärte etwa der Islamwissenschaftler und Berater des Päpstlichen Rats für den interreligiösen Dialog, Samir Khalil SJ, im „Avvenire”. Nach demografischen Voraussagen werde bis 2050 ein Viertel der europäischen Bevölkerung muslimisch sein, so Khalil: „Wenn der Trend sich nicht ändert, wird Europa eines Tages mehrheitlich von Muslimen bewohnt.“ Der Jesuit wandte sich dagegen, aus wirtschaftlichen Rücksichtnahmen falsche Zugeständnisse an Libyen zu machen. Man könne nicht schöne Reden über Menschenrechte führen und gegenüber Gaddafi „so tun, als ob nichts wäre“, meinte der Islamwissenschaftler. Doch bis auf eine versteinerte Miene vor den Fernsehkameras hat Berlusconi tatsächlich so getan, als sei bis auf wenig libysche Folklore nichts geschehen. Und Italien schämt sich, so etwas wie ein Disney-Land gewesen zu sein.

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