„Für Katholiken bedenklich“

Stephen Schneck, Politikwissenschaftler an der Catholic University of America in Washington, D.C., hätte sich ein anderes Wahlergebnis gewünscht. Im Interview spricht er über die Folgen von Donald Trumps Wahlsieg für US-Katholiken, die Haltung der amerikanischen Bischöfe zum designierten Präsidenten sowie über dessen Verhältnis zu Papst Franziskus. Von Maximilian Lutz
Kardinal Timothy M. Dolan und der designierte US-Präsident Donald Trump
Foto: KNA | Haben gut lachen: Kardinal Timothy M. Dolan, Erzbischof von New York, und der designierte US-Präsident Donald Trump vergangenen Oktober beim Al-Smith-Wohltätigkeits-Dinner der katholischen Kirche in New York.

Professor Schneck, sind Sie zufrieden mit dem Wahlergebnis?

Nein, ich bin nicht zufrieden mit dem Wahlergebnis. Ich war sehr besorgt aufgrund einiger Dinge, die Trump im Wahlkampf gesagt hat. Und ich bin es weiterhin. Mit seinen bisherigen Kabinettsnominierungen unterstreicht er seine Absicht, politische Strategien zu verfolgen, die nicht nur für mich als Katholiken problematisch sind, sondern von denen auch eine potenzielle Gefahr für die Zukunft der Vereinigten Staaten ausgeht.

52 Prozent der Katholiken haben dennoch für Trump gestimmt. Wie verteilen sich diese Stimmen auf die verschiedenen ethnischen Gruppen?

Trump war sehr beliebt bei weißen Katholiken, besonders aus der Arbeiterschicht und aus dem Süden. Etwa 60 Prozent der weißen Katholiken haben Trump gewählt. Von den katholischen Latinos erhielt er nur 31 bis 32 Prozent. Das ist wichtig, um das Stimmverhalten der US-Katholiken zu verstehen. Latinos machen unter Katholiken etwa 40 Prozent aus, bei Katholiken, die jünger als 18 sind, sogar 60 Prozent. Nicht Weiße, sondern Latinos sind somit die Zukunft der Kirche in den USA.

Was erwarten sich die Katholiken, die ihn unterstützten, von Trump?

Leider sind auch die Katholiken entlang der Parteilinien und von politischen Ideologien gespalten. Daher kann man kaum davon sprechen, dass sie homogene Erwartungen an Trump haben. Glaubensfragen spielten meiner Meinung nach für viele Katholiken bei der Stimmabgabe nur eine geringe Rolle. Die überwältigende Mehrheit hat nicht als Katholiken gestimmt, sondern als Konservative oder Progressive, als Republikaner oder Demokraten. Weiße Katholiken aus der Arbeiterschicht hoffen zum Beispiel, dass Trump die amerikanische Handelspolitik grundlegend ändern und die Schwerindustrie wieder zurück in die USA holen wird.

Sie denken also, dass weiße Katholiken Trump nicht aufgrund ihres Glaubens wählten, sondern eher aus wirtschaftlichem Interesse?

Manche haben Trump bestimmt auch aus Glaubensgründen gewählt. Sie erhoffen sich vor allem, dass die Abtreibungsfrage gelöst wird, sollte Trump den vakanten Sitz am Obersten Gericht mit einem Richter besetzen, der „Roe versus Wade“ rückgängig machen würde. Ich denke jedoch nicht, dass die Debatte allein dadurch gelöst werden kann. Aber für diejenigen Katholiken, für die das Thema Abtreibung am wichtigsten war, wird das wohl eine Rolle gespielt haben.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass er einen Richter nominiert, der die pro-life-Seite unterstützt?

Ich denke, er wird nicht umhinkommen, zumindest den ein oder anderen pro-life-Unterstützer zu nominieren. Das hat er ja im Wahlkampf ausdrücklich versprochen. Ich erwarte, dass seine ersten Vorschläge pro-life-Richter sind. Was danach passiert, kann man noch nicht sagen.

Halten Sie Trump für einen glaubwürdigen Lebensschützer?

Ich hoffe, der Lebensschutz liegt ihm wirklich am Herzen. Ich hoffe, er wird Richter nominieren, die pro-life unterstützen. Aber erst im Frühjahr sagte er, das Recht auf Abtreibung sei gesetzlich festgeschrieben und man könne es nicht ändern. Er ändert seine Meinung von einem Moment auf den anderen. Daher ist es schwer zu sagen, was er wirklich glaubt, und was wir von ihm als Präsident erwarten können. Man muss seine Taten abwarten. Kürzlich sagte er etwas ganz Seltsames: Er wolle seine Schwester für das Oberste Gericht nominieren. Und die ist pro-choice.

Was werden die Konsequenzen seiner Nominierung für gesellschaftspolitische Debatten über die Gesundheitsvorsorge oder die Ehe sein?

Trump hat gesagt, die gleichgeschlechtliche „Ehe“ sei für ihn unabänderliches Gesetz. Von daher glaube ich nicht, dass er daran etwas ändern wird. Was die Gesundheitsvorsorge betrifft: Da hat er klar signalisiert, Obamacare wieder abschaffen zu wollen.

Sollte er dieses Vorhaben tatsächlich umsetzen, was wird dann aus den mehr als zehn Millionen Bürgern, die von Obamacare Gebrauch machen?

Das gesamte Gesetzespaket wird er wohl nicht rückgängig machen können. Schließlich finden einige Aspekte von Obamacare bei einem großen Teil der Bevölkerung Zuspruch. Es wird interessant sein zu sehen, wie Trump vorgehen will. Es bereitet mir natürlich Sorge, dass die Krankenversicherung von zwölf Millionen Menschen auf dem Spiel steht. Ich bin jedoch auch über seine Ankündigung besorgt, eine Mauer zu bauen, um Einwanderer aus Lateinamerika abzuhalten. Es ist nur schwer vorstellbar, wie er diese Mauer bauen will. Wir sprechen hier von den Größendimensionen der Chinesischen Mauer. Wie will er das bezahlen? In welcher Zeit will er sie bauen? Was wird der Nutzen sein? Mauern kann man schließlich überwinden.

Das sind alles Punkte, die nicht mit der katholischen Lehre übereinstimmen.

Nein, ganz und gar nicht. Kurz vor der Wahl sagte Papst Franziskus, dass Menschen, die Mauern bauen, keine Christen sind. Ich weiß nicht, ob er auf Trump anspielte, es war aber interessant, dass er genau diese Metapher wählte. Katholiken sollten freundlich und offen sein. Für Katholiken, die ihren Glauben intensiv leben wollen und die nicht nur auf ein einzelnes Thema – wie Abtreibung – fokussiert sind, sind einige von Trumps Vorhaben wirklich bedenklich.

Wie werden sich die Beziehungen zwischen den USA und dem Vatikan unter Trump entwickeln?

Natürlich wird es zu Spannungen kommen. Es gab schon im Wahlkampf ein kleines Tauziehen zwischen Papst Franziskus und Trump – unter anderem wegen der Mauer. Und selbst eine Woche vor der Wahl machte der Papst noch Bemerkungen, die zumindest als implizite Kritik an Trump zu verstehen waren. Ich denke, im Vatikan ging man davon aus, dass Hillary Clinton gewinnt. Deshalb dürften man dort wohl über Trumps Sieg überrascht gewesen sein. Doch es gibt auch im Vatikan Kardinäle, die mit dem Wahlausgang zufrieden sind.

Zum Beispiel?

Kardinal Raymond Burke fällt mir da ein. Er hat einige Äußerungen gemacht, die zeigen, dass er kein Problem damit hat, dass Trump ins Weiße Haus einziehen wird. Doch für die Beziehungen zwischen Trump und dem Heiligen Stuhl spielt ein einzelner Kardinal keine große Rolle. Das Verhältnis hängt hauptsächlich davon ab, wen er als Vatikan-Botschafter ernennt. Dadurch wird er ein klares Zeichen setzen, wie ernst er die Beziehungen zum Vatikan nimmt und wie wahrscheinlich eine Zusammenarbeit sein wird. Doch momentan ist noch völlig offen, wen Trump als Botschafter auswählen wird.

Wie stehen die amerikanischen Bischöfe zu Trump? Sind sie auch gespalten?

Ja, auch die Bischöfe sind gespalten. Genauso wie innerhalb der gesamten Bevölkerung gibt es bei den Bischöfen unterschiedliche politische Ideologien. Einige Bischöfe haben sich schon während des Wahlkampfs dazu geäußert, wie wichtig das Thema Abtreibung sei. Jeder Katholik mit ein wenig Verstand sollte wissen, für wen er seine Stimme abgeben müsse. Diese Bischöfe können jetzt gut mit Trumps Wahlsieg leben. Viele hoffen, dass die neue Regierung unter Trump den gesetzlichen Anspruch auf vom Arbeitgeber finanzierte Verhütungsmittel, der ja Teil von Obamacare ist, einschränken und so Rücksicht auf die Glaubensfreiheit von Katholiken nehmen wird. Andererseits gibt es auch solche, die große Bedenken bezüglich Trumps Einwanderungs- und Gesundheitspolitik hegen. Auch die Bischöfe können nicht mehr tun als abwarten. Entscheidend wird sein, was Trump als Präsident tatsächlich umsetzen wird.

Die Einstellung der Bischöfe zu Trump hängt also auch davon ab, bei welchen Themen sie ihre Prioritäten setzen.

Genau. Und so verhält es sich auch mit den Katholiken in den USA. Die Meinung zu Trump ist abhängig davon, welche Dinge dem Einzelnen am wichtigsten sind, und welchen Standpunkt er zu ihnen einnimmt. Die Debatte um Einwanderung etwa liegt sowohl Progressiven wie auch Konservativen am Herzen. Sie unterscheiden sich allerdings in ihren Ansichten.

Eine Angelegenheit, die Papst Franziskus sehr am Herzen liegt, ist der Umweltschutz und die Bekämpfung des Klimawandels. Den scheint Trump nicht wirklich ernst zu nehmen. Wie positionieren sich die amerikanischen Bischöfe in dieser Debatte?

Die Bischöfe begrüßten die Enzyklika „Laudato si“ und stimmten mit den Argumenten von Papst Franziskus überein. Sie nehmen den Klimawandel und Umweltschutz sehr ernst, und das schon seit einiger Zeit. Was wir von Trump erwarten können, ist wiederum kaum zu sagen. Er hat in der Vergangenheit gesagt, er halte den Klimawandel für einen Scherz und glaube nicht daran, dass der Mensch das Klima beeinflusse.

In einem Interview mit der „New York Times“ schlug er jüngst bei diesem Thema gemäßigtere Töne an.

Richtig. Da gab er zu, dass der Mensch möglicherweise doch mitverantwortlich für den Klimawandel sei. Ich weiß nicht, was er wirklich glaubt. Es gibt Hinweise darauf, dass er jemanden zum Vorsitzenden der amerikanischen Umweltschutzbehörde (EPA) ernennen will, der den Klimawandel abstreitet. Zudem kündigte er im Wahlkampf an, das Pariser Klimaschutzabkommen nicht einhalten zu wollen. Jetzt will er es überdenken. Doch mein Bauchgefühl sagt mir, dass er globale Bemühungen, den Klimawandel zu bekämpfen, nicht unterstützen wird.

Ein weiterer Aspekt von Trumps Wahlsieg, der auch Katholiken Sorgen macht, ist die Rolle, die weiße Nationalisten darin spielten.

Die „White Nationalists“ sind leider eine sehr gefährliche und düstere Bewegung in der aktuellen amerikanischen Politik. Es scheint nicht so, als wolle sich Trump von ihnen distanzieren. Ich hoffe, dass die amerikanischen Bischöfe da klar Stellung beziehen. Denn die Ansichten der Nationalisten sind nicht im Einklang mit den Lehren der katholischen Kirche. Bisher haben sich die Bischöfe allerdings noch nicht geäußert.

Manchen Personen, die er bereits für sein Kabinett nominiert hat, wird nachgesagt, Verbindungen zu den „White Nationalists“ zu haben.

Trump ernannte Steve Bannon, den ehemaligen Betreiber des Online-Nachrichtenportals „Breitbart News“, zu seinem obersten Berater. Das Portal gilt als Medienkanal der sogenannten „Alternative Right“, kurz „Alt-Right“. Die Alt-Right besteht aus weißen Nationalisten. Bis vor kurzem war das nur eine Randbewegung. Jetzt bereitet es mir große Sorge, dass rechte Nationalisten womöglich Bestandteil der Trump-Regierung sein werden. Denn sie könnten erheblichen Einfluss auf die amerikanische Politik nehmen.

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