Frieden sagen, Krieg führen

Als schlimmstes Vergehen in dem, was noch immer nahöstlicher „Friedensprozess“ genannt wird, gilt, einem der Beteiligten den Willen zum Frieden abzusprechen. Alle wollen sie Frieden und nichts als Frieden: die Amerikaner, die Russen, die Europäer, die Türken. Und die Beteiligten des Nahost-Konflikts? Manchmal kann schon der Verdacht aufkommen, dass es da neben den offiziellen Bekundungen auch eine geheime Agenda gibt, über die man nicht spricht, die man aber konsequent verfolgt.

Was schadet es Israel, wenn während des Besuchs von US-Vizepräsident Biden neue Wohnungen im arabischen Ost-Jerusalem genehmigt werden? Ist doch egal, dass Hillary Clinton am Telefon laut wird, denn ein paar Tage später muss sie sich öffentlich zu den „unverwüstlichen“ Banden zwischen Israel und den USA bekennen. Ist doch egal, wenn der US-Nahostgesandte Mitchell seinen Besuch platzen lässt, denn aktuell turnt gerade die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton in Nahost herum, um allerorts zu versichern, wie sehr Europa am Frieden interessiert sei. Wenn niemand in Brüssel oder Washington auf den Tisch haute, als Israel Krieg im Libanon und im Gazagebiet führte, dann wird die Welt auch weitere Siedlungen schlucken, nicht wahr, Herr Netanjahu?

Gibt es vielleicht auch eine geheime Agenda auf der Gegenseite? Ein Spiel mit verteilten Rollen? Hier der noble und kompromissbereite Präsident Abbas, der nichts als das Recht und den Frieden will, dort die Hamas, die die Wut des Volkes in die Kanäle der Gewalt lenkt und Israels Existenzrecht in Zweifel zieht. Sehen sie die Zwei-Staaten-Lösung als Ziel, oder doch nur als Zwischenschritt auf dem Weg zu einem muslimischen Palästina? Eines ist sicher: Es genügt nicht, dass alle Welt den Frieden in Nahost ersehnt. Die Betroffenen selbst müssen ihn wollen. sb

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