Frieden, Dialog und Freiheit

Tajani und Merkel bei Weltfriedenstreffen in Münster – Papst Franziskus: „Das Gebet steht am Anfang des Friedens“. Von Michaela Koller

Der Präsident des Europäischen Parlaments, Antonio Tajani, sieht Europa in der Verantwortung, für den Wert der Freiheit weltweit einzutreten. Bei der Eröffnung des Weltfriedenstreffens der Gemeinschaft Sant' Egidio am Sonntag in Münster sagte der Italiener, der Kontinent unterscheide sich von anderen durch den Frieden, den Dialog und die Freiheit. „Diese müssen mit Stärke vertreten werden, als Gegensatz zu Gewalt, indem man innehält, indem man den da oben bittet, einem zu helfen, die Werte zu verteidigen, an die man glaubt.“ Tajani betonte, Europa bedeute nicht nur eine gemeinsame Währung, Zentralbank und Politik, es sei auch Vaterland des Rechts, der sozialen Marktwirtschaft und der erste Kontinent, in dem die Todesstrafe vollständig abgeschafft sei.

Bundeskanzlerin Angela Merkel unterstrich „die einzigartige Erfolgsgeschichte“, dass nach dem von Deutschland entfesselten letzten Weltkrieg und dem millionenfachen Mord an den europäischen Juden, „das schier Unmögliche gelang“, das Zusammenwachsen Europas „von Hass und Feindschaft hin zu Versöhnung und Partnerschaft“. Erreicht worden sei dies, weil der „Kontinent der Vielfalt“ durch gemeinsam geteilte grundlegende Werte getragen werde. Europa stehe global in der Verantwortung, sich für die Unterstützung friedlicher Lösungen sowie die Beteiligung aller Nationen an einer nachhaltigen Entwicklung einzubringen. Merkel betonte die Absicht Europas, sich künftig stärker in Afrika als Partner zu engagieren, indem es etwa dabei helfe, Rahmenbedingungen für private Investitionen, Bildung und Qualifizierung sowie Sicherheitsstrukturen zu verbessern. Mit Blick auf Flucht und Migration hob die Bundeskanzlerin die Schaffung sicherer und legaler Wege für Schutzbedürftige hervor. Eine bessere Zusammenarbeit mit den Herkunfts- und Transitländern sei nötig, um Fluchtursachen zu beseitigen und die Unterbringungsbedingungen in Libyen zu verbessern.

Der Präsident der Republik Niger, Mahamadou Issoufou, dankte der Bundesregierung und Europa für Partnerschaft und Zusammenarbeit. Als Ursachen für die millionenfache Flucht brandmarkte er den Menschen- und Drogenhandel und warnte zugleich vor der Gefahr des Dogmatismus in den Religionen.

Der Gründer der Gemeinschaft Sant' Egidio, Andrea Riccardi, unterstrich die Bedeutung der Vielfalt im interreligiösen Dialog: „Spirituelle Einigung bedeutet nicht Vereinheitlichung und Uniformität.“ Es ginge um eine Bewegung, die Menschen zu Freunden mache, auch wenn sie verschieden seien. Er ging auf die Reformation vor 500 Jahren ein, die als Geistesströmung in die Geschichte eingegriffen und zu einer Erneuerung geführt habe. Mit „Hochachtung“ sprach er von einem „spirituellen Ereignis“. Mit Blick auf die Unterstützung Afrikas durch Europa mahnte er zur Eigenverantwortung der dortigen Eliten: Die lebensnotwendige Entwicklungszusammenarbeit bedeute „Gerechtigkeit seitens des Nordens der Welt, aber auch Gerechtigkeit seitens der afrikanischen Führungsschicht.“

Der Münsteraner Bischof Felix Genn, Mitgastgeber des diesjährigen Weltfriedenstreffens, dankte Bundeskanzlerin Merkel für ihre Reaktion auf die Fluchtbewegung im vorletzten Jahr und dafür, allen Widerständen zum Trotz nicht von ihrer Überzeugung abgewichen zu sein, Menschen in Not eine Aufnahme anzubieten.

Ahmed Mohammed Al-Tayyeb, Großimam der Universität Al Azhar, der höchsten Rechtsautorität des sunnitischen Islam, erinnerte an die Drangsal der muslimischen Minderheit der Rohingya in Myanmar und bezeichnete die Terrororganisation „Islamischer Staat“ als „Tier mit Reißzähnen und Klauen“. Der griechisch-orthodoxe Patriarch von Antiochien und dem ganzen Orient, Johannes X., fragte das Publikum in einem dramatischen Appell: „Gibt es jemanden, der mit den verwitweten Müttern Mitleid hat, sich um die zerstörten Wohnungen und Gebetshäuser oder um die Regionen kümmert, deren Bewohner, die seit Beginn der Geschichte dort leben, nun vertrieben sind?“ Er verstehe nicht, wieso die internationale Gemeinschaft offenbar die zwei vor vier Jahren entführten Bischöfe Johannes Ibrahim und Paulus Yazigi vergessen habe.

Zuvor hatte Papst Franziskus die Teilnehmer des Weltfriedenstreffen seiner „geistlichen Nähe“ versichert. „Der Weg des Friedens und des Dialogs, den der heilige Johannes Paul II. 1986 in Assisi gewünscht und angestoßen hat“ sei „aktuell und notwendig“. „Angesichts der Unvernunft derer, die Gott herabwürdigen, indem sie Hass säen, angesichts des Dämons des Krieges, des Wahnsinns des Terrorismus und der trügerischen Stärke der Waffen“, könne, schrieb der Papst „unser Weg für den Frieden nur ein Weg des Friedens sein, jener nämlich, der die vielen religiösen Traditionen, für die Mitleid und Gewaltlosigkeit wesentlich sind und den Weg des Lebens weisen, vereint“. Insbesondere sei es nötig, zu beten. „Denn – so glaube ich fest – das Gebet steht am Anfang des Friedens“, so Franziskus weiter.

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