Freiwilliger Religionsunterricht an Rios Schulen

Rio de Janeiro will 2013 als Gastgeber des Weltjugendtages den fakultativen Religionsunterricht an Grundschulen der Stadt wieder einführen. Von Bodo Bost
Foto: dpa | Die berühmte Christusfigur: Mittlerweile ist Rio ein Zentrum der Sekten.
Foto: dpa | Die berühmte Christusfigur: Mittlerweile ist Rio ein Zentrum der Sekten.

Rio, die Welthauptstadt des Fußballs und des Karnevals, hat gerade das 80. Jubiläum seiner weltberühmten Christusfigur gefeiert, die seit 2007 als eines der sieben Weltwunder gilt. Rio ist auch das Zentrum der brasilianischen Sekten, die Jahr für Jahr der katholischen Kirche in Brasilien Millionen von Mitgliedern abwerben. Als wirksamstes Mittel zur Bekämpfung des weiteren Vordringens der Sekten hatte der einstige Erzbischof von Rio, Kardinal Eusebio O. Scheid, einst eine Bildungsoffensive der Kirche angekündigt. Jetzt kann die Kirche Rios einen ersten Erfolg in dieser Richtung vorweisen.

Brasilien hatte 2008 unter dem damaligen Präsidenten Lula da Silva mit dem Hl. Stuhl ein bilaterales Abkommen abgeschlossen und damit zum ersten Mal seit Ausrufung der Republik 1889 einen Rechtsstatus erhalten, wie ihn die Kirche seit der Ausrufung der brasilianischen Republik im Jahr 1889 verloren hatte. Das Abkommen, das bewusst nicht als Konkordat bezeichnet wurde, stützt sich auf die Verfassung des säkularen Staates und sieht keine Privilegien für die Kirche vor. Mit der Regelung des Rechtsstatus der Kirche ging auch eine Anerkennung der theologischen Studienabschlüsse, der kirchlichen Ehe und der religiösen Erziehung an öffentlichen Schulen einher. Das Dokument, das aus einer Präambel und 20 Artikeln besteht, eröffnet auch Perspektiven für die Wiederaufnahme des Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen. In einem Artikel heißt es: „Der Religionsunterricht ist fakultativer Natur, sowohl der katholische wie auch der der anderen religiösen Konfessionen, ist ein Fach im normalen Unterrichtsplan öffentlicher Grundschulen, unter Achtung der kulturellen und religiösen Diversität Brasiliens, in Übereinstimmung mit der Verfassung und den anderen geltenden Gesetzen, ohne jede Art von Diskriminierung.“ Das Dokument eröffnet auch Perspektiven für andere Religionen. Seit dem Sturz von Präsident Vargas 1953, der seine Herrschaft fast 20 Jahre lang auch auf die katholische Kirche gestützt hatte, hatte es keinen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen in Brasilien mehr gegeben. Von der Verfassung und vom Grundrecht auf Schulbildung her ist Religionsunterricht in Brasilien jedoch vorgesehen.

Da die Grundschulbildung in Brasilien in der Trägerschaft der Städte und Kommunen liegt, hat jetzt als erste Stadt Rio de Janeiro die Initiative ergriffen und wird auf Vorschlag von Bürgermeister Eduardo da Costa Paes ab 2013 in den öffentlichen Grundschulen wieder einen freiwilligen Religionsunterricht anbieten. Dies hat das Stadtparlament Anfang Oktober entschieden. Um diesen Unterricht für die Kinder der verschiedenen Glaubensausrichtungen erteilen zu können, will die Stadt rund 600 Lehrer neu einstellen. Die Eltern der Schüler entscheiden, ob und in welcher Religion ihre Kinder unterrichtet werden sollen. Damit hat Bürgermeister Paes ein Versprechen gegenüber mehreren kirchlichen Gruppen, darunter dem damaligen Erzbischof von Rio de Janeiro, Kardinal Eusebio Oscar Scheid, eingehalten, die ihn bei den letzten Kommunalwahlen im Jahre 2008 unterstützt hatten.

Von Vertretern des kommunalen Bildungsrates, der unter dem Einfluss der Kulturbeauftragten der Stadt Rio, Jandira Feghali, steht, die Mitglied der brasilianischen kommunistischen Partei ist, wurde die Entscheidung vehement kritisiert. Er verstoße gegen den laizistischen Charakter des Staates. Das Bildungsministerium der Zentralregierung in Brasilia hatte Religionsunterricht auf freiwilliger Basis an öffentlichen Schulen im letzten Jahr wieder zugelassen und die Regierungen der Bundesstaaten aufgefordert, dazu entsprechende Gesetze zu erlassen. Die endgültige Entscheidung des Obersten Gerichts über die Verfassungsmäßigkeit eines religiösen Unterrichts an öffentlichen Schulen steht allerdings noch aus. Befürworter des Religionsunterrichts versprechen sich von diesem auch einen Beitrag zur Vorbeugung gegen die zunehmende Gewaltbereitschaft unter den Schülern. In Rio werden 2013 die nächsten Weltjugendtage der katholischen Kirche stattfinden, die Stadt ist auch Austragungsort der Fußball WM 2014 und der Olympischen Spiele 2016.

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