Frau Merkel, werden Sie Anwältin des Lebens

Der BVL wertet den Berliner Marsch für das Leben als Erfolg: Noch mehr Teilnehmer, neue Route, weniger Zwischenfälle. Von Matthias Lochner

Berlin. 25 Grad, strahlender Sonnenschein, kaum eine Wolke am Himmel. Optimales Wetter für einen Badetag am Wannsee oder einen Besuch im Biergarten. Lena, die zum ersten Mal dabei ist, ist nervös. Tom hingegen, ein alter Hase, wirkt gelöst, auch wenn er einräumt, dass bei dieser Veranstaltung stets „eine gewisse Spannung in der Luft“ liege. Den dritten Samstag im September hat er stets geblockt. Da lädt der Bundesverband Lebensrecht (BVL), der Dachverband der deutschen Lebensrechtsgruppen, zum „Marsch für das Leben“ nach Berlin, um in der Hauptstadt für das Recht auf Leben zu demonstrieren. „Ja zum Leben: Für ein Europa ohne Abtreibung und Euthanasie!“, lautet das Motto. Lena und Tom sind mit einer Gruppe junger Menschen nach Berlin gereist. Die „Jugend für das Leben“ (JfdL) Deutschland und die jungen „Christdemokraten für das Leben“ (CDL) haben für sie ein Rahmenprogramm rund um den Marsch organisiert. Gut 60 Jugendliche haben von diesem Angebot Gebrauch gemacht und auf anderes verzichtet. Um beim Aufbau zu helfen, haben sie sich bereits um 11 Uhr auf dem Platz vor dem Bundeskanzleramt eingefunden, wo um 13 Uhr die Auftaktkundgebung stattfinden soll. Mitten im Zentrum der Macht. Wenn sie wollte, könnte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel der Kundgebung lauschen. Später macht das Gerücht die Runde, Bundesministerin Schavan und Regierungssprecher Seibert hätten sie vom Fenster aus verfolgt.

Mit rhythmischen Trommelklängen stimmen „Sounds for Life“ die mehr als 2 000 Teilnehmer auf die Veranstaltung ein. Die unkonventionelle Pro-Life-Band aus Fürth kommt gut an. Auch die angekündigten Gegendemonstranten sind zur Stelle. Das Berliner Bündnis „What the Fuck“, bestehend aus Linksradikalen, Feministen, Homosexuellengruppen und Abtreibungsbefürwortern wie „Pro Familia“, hatte aufgerufen, den Marsch zu stören. Man erkennt sie sofort: bunt, schrill, provokativ. Sie wollen auffallen.

Punkt 13 Uhr betritt der BVL-Vorsitzende Martin Lohmann die Bühne, begrüßt gut gelaunt und mit fester Stimme die Lebensschützer: „Herzlich willkommen, liebe Freunde des Lebens! Wir sind hier, um ein klares Zeugnis für eine Kultur des Lebens zu geben.“ Der Bonner Journalist und Publizist moderiert die Kundgebung, auf der verschiedene Redner sprechen: Lebensrechtler aus Deutschland, aber auch Vertreter aus Belgien, den Niederlanden, Frankreich, den USA, England und Irland sind gekommen, darunter viele junge Gesichter. „Unsere Freiheit hört auf, wo ein anderes Leben beginnt.“ – „Nichts ist wichtiger als das Recht auf Leben!“ – „Humanität gibt es nur, wenn das Lebensrecht unteilbar ist und bedingungslos gilt.“ Die Ansprachen sind kurz und ernten lauten Beifall. Alle Redner sind gut zu verstehen, die Störungen der Gegendemonstranten verhaltener als im Vorjahr.

Zwischen den Ansprachen werden Grußworte verlesen. Der Europaparlamentarier Martin Kastler und die Bundestagsabgeordneten Dorothee Bär, Philipp Mißfelder, Maria Böhmer, Wolfgang Bosbach, Frank Heinrich, Volker Kauder, Andreas Schockenhoff und Patrick Sensburg, die alle der Union angehören, haben eines geschickt. Auch der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe (CDU), hat ein Grußwort verfasst. Außerdem der evangelische Bischof Hans-Jürgen Abromeit sowie seine katholischen Amtsbrüder Gregor Maria Hanke (Eichstätt), Joachim Kardinal Meisner (Köln), Gerhard Ludwig Müller (Regensburg), Robert Zollitsch (Freiburg), Rainer Woelki (Berlin) und Nuntius Jean-Claude Périsset.

Erzbischof Zollitsch etwa sieht in der „friedlichen Demonstration in Form eines Schweigemarsches“ ein „ausdrucksstarkes Zeichen“ des Einsatzes für das Leben. Unionsfraktionschef Volker Kauder ermutigt die Lebensrechtler, „weiter mit Entschlossenheit auf die hohe Zahl von Abtreibungen in unserem Lande hinzuweisen und für das Leben zu werben“. Die Christdemokraten sähen sich in einer besonderen Verantwortung, da eine Politik, „die das Attribut ,christlich‘ für sich in Anspruch“ nehme, das „menschliche Leben von seinem Beginn bis zu seinem Ende“ schützen müsse. „Wir werden uns niemals mit den hohen Abtreibungszahlen abfinden, denn aus dem christlichen Menschenbild resultieren für uns klare Handlungsgrundsätze“, so Kauder weiter. Eine Vorlage, die Lohmann aufnimmt und an die CDU-Parteivorsitzende Merkel weiterleitet: „Werden Sie, Frau Bundeskanzlerin, zu einer überzeugenden Anwältin des Lebens und seiner Unantastbarkeit!“, ruft er. Schließlich verliest er die „Berliner Erklärung zum Schutz des menschlichen Lebens“. Die Forderungen: Die Präimplantationsdiagnostik soll wieder verboten, die geltenden Abtreibungsgesetze und ihre Praxis korrigiert, die staatliche Abtreibungsfinanzierung unterlassen werden; Schwangere sollen wirksame Hilfen erhalten, das Leid der Abtreibungsfolgen nicht länger verharmlost und einem erneuten Aufkommen der Euthanasie Einhalt geboten werden.

Dann setzen sich die Lebensschützer in Bewegung. Sie tragen weiße Holzkreuze, Schilder mit freundlichen Baby- und Familien-Fotos sowie Transparente mit lebensbejahenden Sprüchen. Im hinteren Teil des rund 300 Meter langen Zuges ist es ruhig, nur ab und an sind dort Pfiffe zu hören. An der Spitze des Marsches hingegen herrscht tosender Lärm. Hier konzentrieren sich die etwa 400 Gegendemonstranten und flankieren den Marsch. Einigen von ihnen gelingt es, sich – unbemerkt von der Polizei – unter die Reihen der Teilnehmer zu mischen. Sie pfeifen oder skandieren Sprüche wie „Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat“ oder „Hätt‘ Maria abgetrieben, wärt‘ Ihr uns erspart geblieben“; provozieren und beleidigen die Lebensrechtler. Die bleiben ruhig. Tom, der so etwas aus den letzten Jahren kennt, macht das wenig aus. „Das beste Mittel gegen Provokationen ist, für die Gegendemonstranten zu beten“, sagt er. Auch Lena bleibt gelassen. Die Aggressivität der Abtreibungsbefürworter geht zwar nicht spurlos an ihr vorbei, weil sie sich aber darauf eingestellt hatte, kommt sie zurecht. Immer wieder geraten Gegendemonstranten mit der Polizei aneinander, einzelne werden gar in Gewahrsam genommen, größere Zwischenfälle bleiben jedoch aus. Vom Bundeskanzleramt führt der Marsch – erstmals auf einer neuen Route – vorbei am Reichstag über die Prachtstraße „Unter den Linden“ zum Bebelplatz. Hier werden die Gegendemonstranten von der Polizei separiert, die Lebensschützer können in Ruhe die St. Hedwigs-Kathedrale betreten und ungestört den ökumenischen Gottesdienst feiern, den der emeritierte Weihbischof Wolfgang Weider leitet. Die Predigt hält sein evangelischer Kollege, der Ururenkel des letzten deutschen Kaisers und Pastor Philip von Preußen.

Der BVL wertet den Marsch als großen Erfolg. Der Ort für die Kundgebung, die neue Route, das herrliche Wetter: Alles habe gestimmt. Auch seien erneut mehr Teilnehmer gekommen. Die Polizei spricht offiziell von 2 200 Lebensschützern. Der BVL hofft, nächstes Jahr wieder im Zentrum der Macht sprechen und noch mehr Teilnehmer begrüßen zu dürfen. „Wir sind auf jeden Fall wieder dabei!“, meinen Lena und Tom, erschöpft, aber zufrieden am Ende eines ereignisreichen Tages.

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