Franziskus und die Winde der Veränderung

Als Papst der Reformen ist er angetreten. Doch in der Kirche regt sich Widerstand. Ein Pontifikat zeigt erste Risse. Von Guido Horst
Generalaudienz mit Papst Franziskus
Foto: Paul Haring (KNA) | Papst Franziskus begrüßt die Menschen während der Generalaudienz auf dem Petersplatz im Vatikan am 31. Mai 2017.

Das Tempo ist ungebrochen. Zum kommenden Osterfest soll ein weiteres Apostolisches Schreiben aus seiner Hand erscheinen, unter das Franziskus am 19. März, dem Fest des heiligen Joseph und dem fünften Jahrestag seiner Amtseinführung als Papst, die feine, kleine Unterschrift setzen wird. Das Thema sei die Berufung zur Heiligkeit eines jeden Christen und die Freude am Glauben, wie Papstberater Oscar Kardinal Rodriguez Maradiaga aus Honduras jetzt am Rande einer Buchvorstellung andeutete. Es soll kürzer sein als die Vorgänger-Dokumente „Evangelii gaudium“ (2013), „Laudato si’“ (2015) und „Amoris laetitia“ (2016), aber wieder ein Herzensanliegen des argentinischen Papstes berühren. Ohne Heiligkeit könne keine Reform gelingen, meinte Kardinal Rodriguez Maradiaga sibyllinisch. Ob er damit auch die Arbeit des von ihm koordinierten Kardinalrats für die Reform der Kurie meinte?

Reform ist das Wort, das man als Stimmgabel an das mittlerweile fünfjährige Pontifikat des Jesuiten-Papstes anlegen könnte. Von Anfang an gab es die Grundmelodie der Amtszeit von Franziskus vor und ist keine Erfindung der Medien. Mit seinem ersten Erscheinen auf der Loggia des Petersdoms hat Jorge Mario Bergoglio selbst dafür gesorgt: Keine Mozzetta, ein schlichtes „Guten Abend“, eine lange Verbeugung vor der Menge auf dem Petersplatz – und der erste Papst der Geschichte, der sich Franziskus nennt. Und er hatte genügend Zeit gehabt, sich seinen ersten „Auftritt“ gründlich auszudenken. Kardinal Bergoglio war bestens darüber informiert, dass er im Konklave mit einer stabilen Gruppe von Papstwählern rechnen konnte, die ihn auf den Schild heben wollte.

Aber eben auch dieses Konklave hatte dem neuen Papst einen präzisen Auftrag mit auf den Weg gegeben, den man mit dem Wort „Reform“ zusammenfassen konnte. In der Kurie und bei den Finanzen des Vatikans herrsche Aufräumbedarf, konnten vor dem Rücktritt Benedikts XVI. die Kardinäle in aller Welt in ihren Zeitungen lesen, „Vatileaks“ war das Stichwort, unter dem die Alarmmeldungen liefen. Und Benedikt sei zurückgetreten, weil er nicht mehr die Kraft gespürt habe, eine widerspenstige Umgebung zur Räson zu bringen. Auch die Papstwähler weltweit konsumieren ganz normale Medien und machen sich dann so ihre Gedanken.

Aber dann griffen im März 2013 auch die Medien den Reform-Begriff auf. Dass Franziskus die Mozzetta mit den Worten „Der Karneval ist vorbei“ zurückgewiesen haben soll, ist – keine ganz schlechte – Erfindung. „Preferisco di no“, „ich ziehe es vor, die eher nicht“, hat er freundlich seinem Zeremonienmeister Guido Marini gesagt. Aber dass mit Franziskus ein ganz neuer Wind in der Kurie zu wehen begonnen hatte, war dann doch mit Händen zu greifen. Ein Papst, der nicht mehr in der „terza loggia“ wohnt, sondern eine Suite im vatikanischen Gästehaus bezieht, der kleine Autos fährt, selber zum Optiker geht und dort seine neue Brille bezahlt, Schweizer Gardisten mit Handschlag begrüßt – überhaupt ein Lateinamerikaner ist und dazu noch Jesuit: Das roch nach Veränderung.

Und dann, wie gesagt, hat Franziskus ein Tempo vorgelegt, bei dem ein mitteleuropäischer Durchschnitts-Rentner Ende siebzig wohl zusammenbrechen würde: Ein Kardinalrat musste her, zur Reform der Kurie. Und gleich noch ein Expertengremium, das die Finanzgebaren hinter den heiligen Mauern unter die Lupe nimmt. Im Sommer 2013 war die Wirtschaftsprüfungskommission COSEA eingerichtet. Da drin saßen kaum mehr eingefleischte Kuriale, sondern auswärtige Kräfte – unter ihnen leider auch die schrille PR-Frau Francesca Immacolata Chaouqui, die zusammen mit dem spanischen Kurienprälaten Lucio Angel Vallejo Balda, beide Mitglieder der COSEA, den Fall „Vatileaks II“ verursachen sollte. Die erste Blitzreise zur Flüchtlingsinsel Lampedusa war programmatisch, wie auch das erste eigenständige Apostolische Schreiben „Evangelii gaudium“ vom November 2013 (die erste Enzyklika „Lumen fidei“, erschienen im Juni zuvor, war noch ganz eine Arbeit von Benedikt XVI.).

Direkt im ersten Kapitel von „Evangelii gaudium“ – „Die missionarische Umgestaltung der Kirche“ – gab Franziskus seinerseits die Stimmgabel für sein Pontifikat vor: An die Peripherien gehen, die Kirche öffnen, Außenstehende zurückgewinnen und in das Gemeindeleben integrieren. Das ging konform mit seiner sehr kurzen, aber klaren Ansprache im Konsistorium vor dem Konklave, in der er vor der „Selbstbezüglichkeit der Kirche“ gewarnt hatte. Viele verstanden das im Einklang mit der Freiburger Konzerthaus-Rede von Benedikt XVI., in der dieser zur Entweltlichung der Kirche aufgerufen hatte – und dachten zunächst, der deutsche und der argentinische seien zwei Päpste, zwischen die anscheinend kein Blatt Papier passen würde.

Dass das nicht der Fall ist, machte dann das bis dahin größte „Projekt“ im bisherigen Pontifikat von Franziskus deutlich. Noch im Herbst 2013 kündigte er einen synodalen Prozess zu Ehe und Familie an, der in zwei Etappen stattfinden solle: mit der Vorbereitung und Abhaltung einer Außerordentlichen Bischofssynode im Oktober 2014 und einer ordentlichen Bischofsversammlung ein Jahr später. Im Konsistorium vom Februar 2014 legte dann Kardinal Walter Kasper seine „key note speach“ vor, in der er jene inzwischen sattsam bekannte Einzelfall-Lösung bei den wiederverheiratet Geschiedenen skizzierte, wie sie dann in „Amoris laetitia“ Eingang gefunden hat. Und seitdem war in dem noch jungen Pontifikat von Papst Bergoglio Feuer auf dem Dach.

Gleich auf den synodalen Prozess zu Ehe und Familie folgte 2016 das Heilige Jahr der Barmherzigkeit, das für Franziskus nochmals spirituell widerspiegeln sollte, was die Bischofsversammlungen der Jahre zuvor auf Wunsch des Papstes für die Ehe- und Familienpastoral ausformulieren sollten: Wer umkehrt und das Evangelium als Maßstab seines Lebens entdeckt, dem eilt die Kirche mit geöffneten Armen entgegen, so wie der Vater dem verlorenen Sohn seine ganze Barmherzigkeit schenkt. Einen starken Akzent setzte Franziskus im Heiligen Jahr auf das Sakrament der Versöhnung – mit wie so oft starken Gesten: Er kniete (nicht zum ersten Mal) öffentlich im Beichtstuhl nieder und spendete auf dem Petersplatz im Kreise vieler anderer Priester Jugendlichen das Sakrament der Buße. Eröffnet hatte Franziskus das Heilige Jahr am 29. November 2015 in Bangui, der Hauptstadt der von Kriegswirren gezeichneten Zentralafrikanischen Republik. Dass die „Peripherie“ ein weiterer Schwerpunkt im Pontifikat von Papst Franziskus darstellt, zeigen nicht nur überraschende Entscheidungen wie diese, sondern auch die Liste der Kardinäle, die er ernannt hat.

In Argentinien hatte Bergoglio die Evangelikalen kennengelernt, als Papst in Rom mauserte er sich zum General-Ökumeniker. Die historische erste Begegnung zwischen einem römischen Kirchenoberhaupt und dem Patriarchen der russischen Orthodoxen absolvierte er im Februar 2016 auf Kuba, auf der Flüchtlingsinsel Lesbos trat er im April danach im Flüchtlingslager Moria gemeinsam mit dem orthodoxen Erzbischof von Athen und ganz Griechenland, Hieronymus, und dem Ehrenprimas der Orthodoxie, Bartholomaios aus Istanbul, auf. Das Reformationsgedenken führte ihn ins schwedische Lund. Und die früher schon bestehenden Kontakte zu den evangelikalen Christen haben sich in Rom nur vertieft.

Dass sich Franziskus immer wieder als heftiger Kritiker der kapitalistischen Wirtschaftsweise profiliert („Diese Wirtschaft tötet“), hat es nicht im Geringsten verhindert, dass er in der politischen Welt höchstes Ansehen genießt. Als er im Mai 2016 im Vatikan vom Aachener Oberbürgermeister mit dem Internationalen Karlspreis ausgezeichnet wurde, war die Liste der politischen Prominenz unter den Ehrengästen lang. Kanzlerin Merkel gehörte dazu wie das EU-Dreigestirn Juncker, Schulz und Tusk oder der spanische König. Als Johannes Paul II. 2004 diese Ehrung erhielt, stand nur Alt-Bundespräsident Walter Scheel auf der Liste der politischen Ehrengäste. Die Großen dieser Welt wollen zu Papst Franziskus, nur der chinesische Staatschef hat noch nicht um Audienz gebeten – aus verständlichen Gründen. Mit der Volksrepublik liefert sich der Vatikan derzeit ein diplomatisches Tauziehen. Ob zum Segen der Katholiken in China, ist derzeit eine heiß umstrittene Frage. Aber immerhin: So wie Franziskus die erste – durchaus auch politisch zu bewertende – Begegnung mit dem russischen Patriarchen zustande brachte, so ist es in seinem Pontifikat der vatikanischen Diplomatie gelungen, Bewegung in die ungelöste Frage der Bischofsernennungen für das Reich der Mitte zu bringen.

Auch im palästinensisch-israelischen Dauerkonflikt gilt der Papst beiden Seiten als geschätzter Ansprechpartner. Als Franziskus im Juni 2014 zum Gebet für den Frieden in dieser Region in den Vatikan rief, kamen die Präsidenten Schimon Peres und Mahmud Abbas – auch Patriarch Bartholomaios war dabei. Der „Papst vom anderen Ende der Welt“ hatte keine Mühe, sich auf dem Petrusstuhl in Rom zum „global player“ zu mausern.

Beliebtheit in der Welt der politischen Verantwortungsträger ist – dafür haben zumal demokratisch gewählte Repräsentanten ein feines Gespür – die logische Folge hoher Popularität bei den einfachen Leuten. Und darüber kann sich Franziskus nicht beklagen. Seit sich Jorge Mario Bergoglio auf der Loggia des Petersdoms zeigte, hat die katholische Kirche, was die öffentliche Meinung angeht, kein Papst-Problem mehr. Streiter wider den „antirömischen Affekt“ und Apologeten der Papst-Kirche haben, wenn es denn um Franziskus geht, derzeit nichts zu tun. Es gibt keine bei den Leuten oder in den Massenmedien verbreitete Anti-Papst-Stimmung mehr. Erst bei seiner jüngsten Lateinamerika-Reise, in Chile, war davon etwas spürbar. Hier zeigten sich erste feine Risse im Franziskus-Bild, es gab kritische Stimmen, auch bei Kirchenleuten und in den Medien – selbst im Nachbarland Argentinien. Es ging um die Entscheidung von Papst Franziskus, den Militärbischof Barros Madrid, der beschuldigt wird, einen schweren Missbrauchstäter gedeckt zu haben, zum Ortsbischof im chilenischen Osorno zu ernennen. Die Sache hatte ein Nachspiel: Der Bostoner Kardinal Séan Patrick O’Malley, Vorsitzender der vatikanischen Kinderschutzkommission, distanzierte sich öffentlich und deutlich von den harschen Worten, mit denen Franziskus in Chile vor Lokalreportern seine Entscheidung in der „causa“ Barros Madrid verteidigt hatte: Das sei eine Herabsetzung der Missbrauchsopfer gewesen, so O’Malley. Franziskus lenkte ein und entsandte einen Sonderermittler nach Amerika, um die Vorwürfe gegen Barros Madrid neu untersuchen zu lassen.

Und hier zeigt sich ein Paradox, wenn man – bei dem vorgelegten Tempo von Papst Bergoglio – eine Bilanz der ersten fünf Jahre von Franziskus ziehen will: So populär dieser Papst bei den Massen ist, so sehr regt sich Widerstand in den eigenen Reihen. Im Vatikan, bei Kardinälen und im Episkopat – und bei denen, die sich bis zu dem Lateinamerikaner auf dem Petrusstuhl immer wieder als Papst-Verteidiger gefordert sahen. Das Feuer auf dem Dach, das sich mit dem Beginn des synodalen Prozesses zu Ehe und Familie entzündet hat, als viele plötzlich die Unauflöslichkeit der Ehe in Frage gestellt sahen, hat sich inzwischen in dichten Schwaden über Teile der Kirche gelegt. Über Polen mehr als über Deutschland, über die konservativen Katholiken Amerikas mehr als über das deutsche Zentralkomitee der Katholiken, über die Kurialen aus der Zeit Johannes Pauls II. und Benedikts XVI. mehr als über die Franziskus-Leute im Vatikan. Aber allmählich driftet da etwas auseinander.

Unterschiedliche Strömungen, auch kontroverse Lager, hat es in den vergangenen Jahrzehnten in der Kirche immer gegeben. Aber Papst Franziskus macht sie in einer Weise sichtbar, wie das für einen römischen Pontifex ungewohnt ist. Man darf – wenn es um den Streit über „Amoris laetitia“ geht – die Verunsicherung nicht auf jene vier Kardinäle reduzieren, die ihre Aufforderung zur Klarstellung in einem Brief mit den „dubia“, den Zweifeln, an den Papst öffentlich gemacht haben. Es gibt Bischöfe, die für ihre Region eine eher strenge Auslegung der Einzelfall-Lösungen für wiederverheiratete Paare erlassen haben, und ganze Bischofskonferenzen, die die Entscheidung über den Hinzutritt zu den Sakramenten im Letzten der Gewissensentscheidung der Betroffenen überlassen. Das sind innerkirchliche Gegensätze, die von der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden. Aber im Vatikan, im Kardinalskollegium und in weiten Teilen des Episkopats prägen sie das Klima. Zumal man in diesen Kreisen genau hinschaut, ob Franziskus auch die Hausaufgaben macht, die den Papstwählern von 2013 wichtig waren: die Reform der Kurie und die Neuordnung der Vatikanfinanzen.

Was Letzteres angeht, so hat sich die große Neuerung gleich zu Beginn der Amtszeit, ein eigenständiges Wirtschaftssekretariat einzurichten, als ein Wurf erwiesen, der irgendwie in der Luft hängen geblieben ist. Franziskus berief den Erzbischof von Sydney, Kardinal George Pell, an die Spitze dieses Dikasteriums. Und der fing auch beherzt an, mit Hilfe von externen Wirtschaftsberatern die alten Erbhöfe der Vatikanfinanzen aufzubrechen, allen voran die APSA, die Verwaltung der Immobilien des Heiligen Stuhls. Doch dann geriet Pell in das Visier der australischen Ermittler, die Missbrauchsvergehen der Vergangenheit aufklären, und wurde im vergangenen Sommer vom Vatikan freigestellt für ein Verfahren in seiner Heimat. Der von Pell eingesetzte Wirtschaftsprüfer Libero Milone, ein externer Finanzfachmann, wurde im vergangenen Sommer eher unehrenhaft entlassen und den zweiten Mann des Wirtschaftssekretariats, den ehemaligen Papstsekretär und maltesischen Geistlichen Alfred Xuereb hat Franziskus soeben erst als Nuntius für die Mongolei und Südkorea nach Asien geschickt. Inzwischen kann die APSA wieder schalten und walten wie in alten Zeiten. Die Arbeit des den Papst bei der Kurienreform beratenden Gremiums der neun Kardinäle kann laut Vatikansprecher Greg Burke noch zwei Jahre dauern. Bisher herausgekommen ist die Bündelung der unterschiedlichen Vatikanmedien unter dem Dach eines neu geschaffenen Sekretariats und die Zusammenführung von neun Päpstlichen Räten in zwei Dikasterien: dem für Laien, Familie und das Leben und dem für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen. Diese beiden Behörden machen das, was auch die sieben Räte vorher schon taten: Sie veranstalten Tagungen, etwa über Korruption und das organisierte Verbrechen. Eine wirkliche Reform der Kurie ist das nicht. Franziskus hat Prozesse angestoßen. Ob sie zu einem guten Ende kommen, wird sich erst noch zeigen müssen.

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