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Frankreich: Neue Grundsätze für den Islam?

Eine Charta in Frankreich soll die republikanische Quadratur des religiösen Kreises bewerkstelligen. Kann das gelingen?
Muslime in Frankreich
Foto: Benjamin Mengelle via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Muslimische Gläubige in der Großen Moschee in Paris: Frankreichs Innenministerium liegt seit Samstag ein Text für die "Vereinbarkeit des muslimischen Glaubens mit den Prinzipien der Republik" vor.

Es ist eine Identitätsfrage. Wer kann die Muslime in einem nicht-muslimischen Staat repräsentieren? Und zwar so, daß die Muslime Teil dieses Staates sind? In Frankreich begnügt man sich nicht mit einem lapidaren Satz wie „Der Islam gehört zu Frankreich“. Seit Gründung der Fünften Republik 1958 und dem Zustrom von Flüchtlingen aus den alten Kolonien in Nordafrika haben sich die Regierungen damit befasst, unter Mitterrand schließlich wurde 1989 ein „französische Islamrat“ gegründet. Er sollte Ansprechpartner der Regierung sein und die Muslime repräsentieren. Aber er vertritt de facto nur einen Teil der 6 Millionen Muslime in Frankreich, noch nicht einmal die Mehrheit, denn von den registrierten 2.500 Moscheen sind dem Rat nur 1015 angeschlossen und selbst innerhalb dieser Moscheen gehen die Ansichten über eine Akzeptanz oder Unterordnung unter die Gesetze und Werte der Republik weit auseinander.

Unsicherheit gegenüber dem Islam

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Aber es gibt keine andere Institution, um die Muslime institutionell zu integrieren. Der islamistische Terror in Frankreich hat das Gefühl der Unsicherheit gegenüber dem Islam verstärkt und das Bedürfnis im Bewußtsein der Franzosen verschärft, diese Minderheit genauer zu kontrollieren und auf die Werte der Republik einzuschwören. Der Druck hatte sich nach den Morden an dem Lehrer Samuel Paty bei Paris und den Gläubigen in der Kathedrale von Nizza so erhöht, daß Präsident Emmanuel Macron am 18. November von dem Islamrat ultimativ verlangte, einen Entwurf für eine Art Staatsvertrag oder Konkordat vorzulegen.

Das ist nun geschehen. Im zuständigen Innenministerium liegt seit Samstag ein Text für die „Vereinbarkeit des muslimischen Glaubens mit den Prinzipien der Republik“ vor. Wie von Macron gewünscht enthält er eine Absage an eine „Instrumentalisierung des Islam für politische Zwecke“ und eine Zusage für die Gleichstellung von Mann und Frau. 

Was der Text wert ist

Was ist der Text wert? Er wird zunächst von den Mitgliedsverbänden des Islamrates begutachtet und soll dann Präsident Macron zugeleitet werden. Ist der Text für alle Muslime in Frankreich bindend? Kann eine Grundsatz-Charta, die mit einem Staat vereinbart wird, die Glaubensinhalte des Islam an sich verändern? Steht diese Charta über dem Koran? Wird der zu gründende „Nationalrat der Imame“ zu einem französischen Islam führen? Zweifel sind berechtigt. Aber wie soll man den Islam demokratisch kompatibel machen? Wie die republikanische Quadratur des religiösen Kreises bewerkstelligen? Identitätsfragen sind nicht mit einem Papier zu lösen. Versuchen muss man es dennoch. Die Charta kann nur ein allererster, sehr bescheidener Anfang sein.

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Jürgen Liminski

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