Villacoublay

Frankreich: Die zum Islam bekehrte Geisel und der peinlich berührte Präsident 

Der Austausch der - vier Jahre lang von Islamisten in Geiselhaft gehaltenen - ex-katholischen Sophie Pétronin gegen 200 Dschihadisten und 10 Millionen Euro Lösegeld, wirft Fragen auf.

In Mali entführte Französin ist wieder frei
Die französische Entwicklungshelferin Jeannine «Sophie» Petronin nach ihrer Freilassung im Präsidentenpalast in Mali. Foto: Uncredited (Mali Presidency/AP)

Der Figaro analysiert die Umstände der Befreiung der 75-jährigen Sophie Pétronin, die nach dem Gefangenenaustausch mit drei weiteren Geiseln gegen 200 Dschihadisten am vergangenen Freitag auf dem französischen Militärflugplatz Villacoublay gelandet und nach ihrer Geiselhaft in der Sahelzone erstmals wieder französischen Boden betrat. Emmanuel Macron, der die kleine, in einen weißen Schleier gehüllte Frau nach dem Ausstieg aus dem Flugzeug begrüßte, hat ihre Rückkehr ins Land indes nicht kommentiert, was den Figaro wundert: „Er hätte sich darüber freuen können, so wie jedes Mal unter ähnlichen Umständen“. Denn seit sieben Jahren ist die französische Armee in Mali im Einsatz, daher hätte diese Befreiung der weltweit letzten in Geiselhaft gehaltenen französischen Geisel eine gute Nachricht sein müssen. Denn viele Franzosen hinterfragten „die Notwendigkeit, diese Operation fortzusetzen, die bereits das Leben von 50 unserer Soldaten gekostet hat“. 

Dem Präsidenten peinlich

Die von Frankreich geführte „Opération Barkhane“ mit 4500 Soldaten zur Bekämpfung des transnationalen islamistischen Terrorismus, der auf einem ebenso weitläufigen Gebiet wie Europa mit Entführungen und Mordanschlägen tätig ist, scheint aussichtslos zu sein.

Warum also war Präsident Macron verlegen und gab keinen Kommentar ab, fragt die Tageszeitung: „War es die Persönlichkeit von Sophie Pétronin, die den Präsidenten der Republik peinlich berührte?“ Auf den sozialen Netzwerken wurde die 75-Jährige „mit einer Flut von Beschimpfungen empfangen“. In der Bevölkerung habe sie jedenfalls nicht nur Sympathie ausgelöst, nachdem bekannt geworden war, dass sie zum Islam übergetreten sei, ihren Namen nun in das muslimische „Mariam“ geändert und ihre Haft „wie Exerzitien erlebt“ habe. Darüber hinaus bekräftigte sie ihre Entschlossenheit, nach Mali zurückzukehren, wo sie ein Kinderhilfswerk leitete. „Sollte sie vom Stockholm-Syndrom befallen sein?“, fragt der Figaro weiter. Jedenfalls lehnt sie es ab, ihre ehemaligen Geiselnehmer als „Dschihadisten“ zu betrachten. Ihre Sichtweise auf den Sahelkonflikt „sorgt für Unbehagen, ist fehl am Platz und empört viele Franzosen“. Warum sollten die französischen Soldaten weiterhin mit ihrem Blut bezahlen, „um solche Kommentare zu hören?“

Gewinnen an Boden

Könnte es sein, dass „die Bedingungen für ihre Befreiung den Staatschef in Verlegenheit brachten?“ Jede Beendigung einer Geiselnahme ist mit Verhandlungen verbunden: „Und jedes Mal tauchen die gleichen Fragen nach den Gegenleistungen auf. Im Austausch wogegen? Hat es Lösegeld gegeben? Gesprochen wird hierbei von einem Betrag von 10 Millionen Euro. Wenn dies der Fall ist, dann wäre es heikel, die Zahlung dieser Summe einzugestehen: wie lässt sich in der Öffentlichkeit rechtfertigen, dass man seinen Feind hochrüstet? Das Geld wird ihm zweifellos dazu dienen, seine Kampfkraft zu stärken“. Ein weiterer Beweis dafür ist – laut Figaro –, dass die Freilassung von mehr als 200 Dschihadisten aus malischen Gefängnissen nunmehr amtlich ist. Wie kann man das in Kauf nehmen, „wenn manche von ihnen an den Attentaten in der Elfenbeinküste, in Burkina Faso oder in Mali verstrickt waren und dass sie auch an Angriffen gegen die französische Armee teilgenommen haben?“ Die Islamisten „gewinnen in ganz Afrika ständig an Boden“. Ganze Teile des Kontinents „verwandeln sich in Kalifate“, konstatiert der Figaro. DT/ks

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.