Fragile Friedenshoffnung

Die muslimisch geprägte philippinische Region Bangsamaro bleibt ein Unruheherd. Von Klemens Ludwig
Rodrigo Duterte
Foto: dpa | Eine Schlüsselfigur: Der philippinische Präsident Rodrigo Duterte.

Der Beginn hätte ambivalenter nicht sein können. Nachdem der philippinische Präsident Duterte gegen erheblichen innenpolitischen Widerstand ein Referendum über eine Autonomie in den mehrheitlich von Muslimen besiedelten Teilen der Insel Mindanao durchgesetzt hatte, honorierte die dortige Bevölkerung diese Initiative in überzeugender Weise: Mehr als 85 Prozent der Wahlberechtigten stimmten für die Vorlage. Damit verzichten die Muslime im Süden und Südosten der Insel auf die Forderung nach Unabhängigkeit und erhalten im Gegenzug weitreichende Autonomie für die Region Bangsamoro. Damit könnte der Grundstein für eine langfristige Befriedung der Unruheprovinz gelegt worden sein, legitimiert von einer klaren Mehrheit der Bevölkerung, die sich nichts mehr wünscht als Frieden. Etwa 120 000 Opfer in den vergangenen 40 Jahren haben der Vernunft den Weg bereitet.

Sammelbecken für IS-Anhänger

Wenn da nicht die Radikalen wären. Der Süden der Philippinen ist seit langem ein Sammelbecken radikal-islamischer Gruppen, die dem IS die Treue geschworen haben. Mit der Besetzung der Großstadt Marawi im vergangenen Jahr haben sie ihre Stärke bewiesen. Fünf Monate wehte die schwarze Fahne des IS über der Stadt, die zäh gegen die Regierungstruppen verteidigt wurde. Noch als dieser Tage die Stimmen ausgezählt wurden, gaben die Fanatiker ihre Antwort: Sie zündeten während eines katholischen Gottesdienstes in der Stadt Jolo einen Sprengsatz und rissen dabei 20 Menschen in den Tod, über 100 wurden verletzt.

Es gehört zu den Besonderheiten von Mindanao, dass der Frieden maßgeblich von der Organisation abhängt, die die jahrzehntelang gegen die Zentralregierung gekämpft hat. Die Moro Islamische Befreiungsfront (MILF) hatte sich einst von der Nationalen Befreiungsfront MNLF abgespalten, weil die ihr zu kompromissbereit war. In dem Maße, wie die MILF stärker wurde, gab sie sich staatstragender und bereitete schließlich mit dem Vorgänger von Duterte, Benigno Aquino, das Autonomieabkommen vor, das jetzt verabschiedet wurde. Die Vereinbarung sieht vor, dass die MILF nun auch Sicherheitsaufgaben übernimmt, die unter das Gewaltmonopol des Staates fallen.

Islamische Befreiungsfront soll Armee unterstützen

Sie soll die Armee im Kampf gegen die IS-nahen Verbände unterstützen. Das birgt für beide große Vorteile und Gefahren. Die MILF wird erheblich aufgewertet, und die im Süden verhasste Armee steht nicht länger allein gegen einen weitgehend unsichtbaren, aber effizienten Feind. Damit verbunden ist jedoch, dass Muslime gegen Muslime kämpfen. Das könnte der MILF Sympathien kosten. Sollte sie gar ihre Autorität einbüßen, wäre auch ihr Verhandlungspartner, die Regierung, der Verlierer, denn die setzt ganz auf die Karte MILF.

Zwei Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit der Friede eine Chance hat: Die kriegsmüde Bevölkerung muss erfahren, dass der Gewalt tatsächlich Einhalt geboten werden kann. Und sie muss endlich Anteil an den reichen Bodenschätzen des Landes bekommen, damit sich ihre wirtschaftliche Situation spürbar verbessert. Über die Jahrzehnte ist es der Regierung nicht gelungen, die militanten Kräfte mit militärischen Mitteln auszuschalten. Die Autorität und Akzeptanz der Regierung hängt stark davon ab, ob ihr das im Verbund mit der MILF jetzt gelingt. So paradox es klingt, weitere Terroranschläge leisten der Erosion der staatlichen Macht und damit den radikal-islamischen Verbänden Vorschub.

Das gleiche gilt für die wirtschaftliche Entwicklung. Die Insel ist als Armenhaus in dem ohnehin nicht reichen Land. Mehr als die Hälfte der dortigen Bevölkerung lebt in Armut, während es im Landesdurchschnitt nach Regierungsangaben 21,6 Prozent sind. Die Infrastruktur ist ungenügend, Ausbildungsmöglichkeiten und Arbeitsplätze rar. Der MILF sind diese Probleme durchaus bewusst. Ob ihre Vertreter die eigenen Interessen zurückstellen und alles daransetzen, die Schattenseiten zu überwinden, ist noch nicht entschieden.

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